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In diesem finalen Teil unserer dreiteiligen Reportage entführen wir euch in die Welt von drei international tätigen DJs, nämlich Thomas Rainer, faux naïv und Mara Mortem.

Wer an einem Abend mit diesem DJ zu Gast ist, weiss, dass ihn harte Bässe und ein Spektakel erwarten, das in dieser Art seinesgleichen sucht. Thomas Rainer ist seit Mitte der 90er Jahre als DJ tätig, später natürlich erlangte er Bekanntheit mit seinen Projekten Siechtum (ehemals), L’Âme Immortelle und Nachtmahr. Dem DJing ist er treu geblieben – bis heute führt er als sympathischer «Tanzdiktator» durch die Nacht und prägt die Stimmung des Abends.
Thomas Rainer betrieb für einige Jahre den Wiener Club Pi Wien, dessen Abschiedsfeier 2013 stattfand. Das Projekt führte er mit Freunden – die Genres dort waren nach Wochentag kategorisiert. Legt Thomas auf, so ist er in den unterschiedlichsten Genres zu Hause – sein Fokus liegt allerdings bei Dark Techno.
Eine Option, wie das Publikum sich Neuem öffnet, ist die Verwendung alternativer Versionen bekannter Songs. Thomas erläutert, dass es von zentraler Relevanz ist, ein Gefühl für die «Vibes im Raum» zu haben – und die Balance zu finden zwischen Dienstleistung und kleinem Bildungsauftrag.
Seine Karriere als DJ begann bereits im Jugendalter, er legte in einem Jugendheim mit Kassetten auf. Musik interessierte ihn schon immer, aber erst mit seinem eigenen Klub nahm er die Tätigkeit als DJ wirklich auf: «Ich verstehe mich als Reiseleiter für die Klubnacht.» Thomas sagt, er als DJ habe auch die Macht darüber, wie sich die Stimmung entwickeln könne.

Das Publikum zu kennen, sei entscheidend, die richtigen Songs für die richtigen Personen zu spielen, jene, die ihre Freund:innen mitreissen und auf die Tanzfläche holen. «Aber es gilt, wenigstens für mich, als ungeschriebenes Gesetz, eigene Songs nicht zu spielen. Das ziemt sich einfach nicht.» Schlechte Erfahrungen habe er gemacht, wenn andere DJs, vor allem die von anderen Bands, ihre Gigs vor allem für Eigenwerbung nutzten. Spannender sei es, wenn Menschen am Ende eines Abends nachfragen, welche Stücke sie gehört haben, weil ihnen diese unbekannt waren.
Als besondere Erlebnisse nennt Thomas einerseits seinen Gig im Club 04 im vergangenen Jahr, wo seine Sets auf grosses Interesse stiessen, und seine Affinität zum Super Schwarzen Mannheim: Dort beeindrucken ihn sowohl die technischen Voraussetzungen als auch die Vielfalt der Floors. Sein neustes Highlight dürfte wohl sein DJ-Einsatz in Malta gewesen sein im Rahmen des Dark Malta 2026.
Thomas Rainer ist nicht nur mit seinen Bands international unterwegs, sondern auch als DJ: USA, Mexiko, Australien, Russland, Italien, Frankreich, Belgien sind nur einige der Stationen, die er bisher bespielen durfte. Ein Favorit war für den Künstler Mexiko, wo er ein besonders enthusiastisches Publikum begrüssen durfte.
Zu seiner Arbeit an den Decks sagt Thomas Rainer: «Man muss es ja fühlen. Ich verstehe die anderen nicht, die stillstehen können. Wenn ich mich von meiner eigenen Musik nicht in Bewegung versetzt fühle, wie kann ich es dann von anderen verlangen? Übergänge, die Betonung von Passagen, Effekte bestimmen die Geschichte, die ich erzählen will.» Wer an einer Party tanzt, ertappt sich bisweilen dabei, den Blick vom Dancefloor zu lösen und der kleinen Inszenierung hinter dem DJ-Pult zu folgen – dort, wo Gesten, Licht und Sound ineinandergreifen.
Gerne erinnert er sich an die Agra 4.2., wo er 8 Jahre lang gemeinsam mit anderen DJs bis in die frühen Morgenstunden spielte: «Die Standing-Ovations um 7 Uhr morgens sind es, die mir immer noch Erinnerung sind, auch wenn ich aktuell an sich nicht mehr am Wave-Gotik-Treffen auflege.» In solchen Momenten, wenn ein ganzer Saal sich erhebend applaudiert, zeigt sich, was ihn antreibt: Für Thomas steht – das spürt jede Person, die je vor seinem Pult getanzt hat – der Spass an dem, was er tut, im Zentrum.

Instagram: mechanicmind
Nächste Termine: Super Schwarzes Mannheim – Wave-Gotik-Treffen (Nachtmahr)

Die DJ stammt aus London und verbrachte ihre Jugend auch dort, spricht jedoch auf Grund ihrer Studien hervorragend Deutsch und lebte auch für einige Zeit in Deutschland. Die Musik entdeckte sie in dieser Zeit in verschiedenen Klubs wie dem Slimelight. Sie legt Musik verschiedener Genres wie EBM, Industrial und Darkwave auf – aber auch Techno, die sie selbst auch auf der Tanzfläche hören möchte: «Ich will spezielle Momente erschaffen für mein Publikum.»
Ihre erste Party hiess Body, sie fand in einem queeren Klub statt. Die DJ hat auch Elegia erschaffen, eine Partyreihe in Manchester, wo sie auch heute noch nebst London auflegt. Diese führt sie mit einem langjährigen Freund durch – als sie in die Region zog, stellte sie nämlich fest, dass es dort keinen Raum gab für die Subkultur. Die Party trägt den Namen eines Songs von New Order, die Widmung verdeutlicht die Relevanz dieser Band für die Schwarze Szene.
Das Slimelight hat sich verändert seit dem Tod von Mak, viele neue Genres. Die Ausrichtung wurde neu gewählt, was auch ein junges Publikum ansprechen kann. Wie in vielen Klubs aber ist es auch hier so, dass der Blick stärker auf dem Dresscode liegt als auf dem Szenegefühl. faux naïf sagt, die Szene sei eigentlich offen für alle – auch für alle Budgets. Dass sich dies zu Ungunsten von Menschen mit weniger Geld verschoben hat, sieht die DJ kritisch, denn im Zentrum stehe doch eigentlich das Herz.
Ihren Einfluss sieht sie folgendermassen: «Ich hoffe, dass ich den Leuten etwas Neues mit auf ihren Weg geben kann, dass zu Hause vielleicht ein neuer Song den Weg auf ihre Playlists findet.»
Es ist immer schwierig, die Balance im Set zu finden, wagt man zu viel und spielt nur Neues, so versinkt man im Nirgendwo, denn heutzutage hängt Vieles von Likes ab. Aber das, was eine gelungene Nacht ausmacht, ist die Stimmung, nicht die Anzahl der Leute, auch wenn es gerade für die Klublandschaft der heutigen Zeit relevant ist, dass genügend Leute kommen.
Ein Erlebnis, das faux naïf in lebhafter Erinnerung bleibt, ist die Rückmeldung einer Person an einer kinky Party: Dort nämlich nahm sie an, dass die Musik lediglich Hintergrundgeräusch sei, aber schliesslich kam jemand und sagte ihr, wie sie sozusagen den Soundtrack zu einem besonderen Moment gespielt habe. «Dass der Klub für die Menschen ein gemeinsamer Safe Space ist, nicht nur an den entsprechenden Partys im sexpositiven Bereich, ist schön. Dabei sind die Menschen in manchen Klubs offener und spielfreudiger in Bezug auf Genres und Songs. Wenn am Ende noch Tänzer:innen sagen, dass sie einen weiteren Song hören möchten, weiss ich, dass ich meine Aufgabe gut erledigt habe.»
faux naïf schliesst damit, dass sie für die Szene sehr dankbar ist. Die Werte, die vertreten werden, sind ihr wichtig, der Umgang miteinander ist einer, wie ihn auch die Gesellschaft übernehmen könnte. Als Beispiel nennt sie die Begegnungen, die sie während des Nitzer Ebb Supports erfahren durfte: Die Menschen waren ihrer Leistung verbunden, und es war eine ehrliche Dankbarkeit, die aus den Rückmeldungen sprach.

Instagram: faux naïv
Nächste Termine: System Revival in Ormside Projects, London am 15. Mai 2026

Mara Mortem legt seit 2021 als DJ auf und ist Resident-DJ sowie Co-Veranstalterin im Reformation Club in London. Obwohl sie sagt, dass das Auflegen für sie kein Thema war, bevor sie damit anfing, war sie schon immer von Musik besessen. Musik ist für sie wie ein Organ, und ihre Liebe dazu veranlasste sie dazu, Underground-Veranstaltungen, Independent-Labels und junge Bands zu unterstützen. Als sie während der Pandemie Outdoor-Events organisierte und Playlists dafür beisteuerte, sprach ein in London ansässiger Veranstalter sie an und überredete sie, als DJ bei einem seiner Events (Dead and Buried) aufzulegen. Seitdem hat Mara Mortems Weg sie zu zahlreichen Events, Clubs und Festivals in Europa und darüber hinaus geführt, bis hin zur Mitorganisation von Veranstaltungen im Reformation Club.
Musik, sagt Mara Mortem, habe ihr schon mehrfach das Leben gerettet. Als DJ sieht sie sich selbst als Geschichtenerzählerin durch Musik. Sie führt Menschen an neue Musik heran und spricht von Emotionen, die auch das Leben anderer retten können. Mara Mortem verkörpert dieses Ethos auch in ihrer Arbeit als Mitorganisatorin im Reformation Club, der eine Plattform für Underground-Künstler und talentierte, aber noch wenig bekannte Bands, Kollektive und Labels bietet. „Mein Ziel als DJ ist es, dem Publikum unbekannte Bands vorzustellen und den Clubbesuchern das Gefühl zu geben, dass sie sich auf einer Reise der Entdeckung und Katharsis befinden.“
Was sie als DJ auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, ihre Begeisterung auf das Publikum zu übertragen. Sie spielt Musik, die sich vom Üblichen unterscheidet. Alles, was sie auflegt, hat zudem einen punk-inspirierten, energiegeladenen Touch. Ihre Sets sind darauf ausgelegt, die Zuhörer auf eine emotionale Reise mitzunehmen. „Was man braucht, um DJ zu werden, ist eine Leidenschaft für Musik. Ein Set muss nicht immer technisch makellos sein, aber es muss das Talent des DJs zum Ausdruck bringen, das Publikum durch eine Vielzahl von Gefühlen zu führen. Natürlich ist ein perfektes Set eines, das eine Geschichte erzählt und technisch makellos ist, aber das ist heutzutage selten. Dennoch gibt es fantastische DJs und Produzenten, denen beides gelingt.“
Mara Mortem ist international tätig, legt aber vor allem in Europa auf. Da die Community recht klein ist, stehen sich Publikum, DJs und Veranstalter oft sehr nahe, was sich auch in ihrer gegenseitigen Unterstützung widerspiegelt. Sie sagt: „Ich habe so viele liebenswerte, talentierte und kreative Menschen kennengelernt: Das ist das Beste an meiner Arbeit als DJ, besonders in der Underground-Szene. Es ist eine Szene voller Liebe und mit wenigen Vorurteilen.“

Instagram: Mara Mortem
Nächster Termin: The Waiting Room, London am 6. Juni (mit Kühle Matrosen und Nothing New)
In den Interviews wurde eines deutlich: Um DJ zu werden, muss man zunächst einmal über ein gutes Gehör verfügen. Das Handwerk lässt sich über verschiedene Wege erlernen, sowohl an Workshops, wie maniaclina sie anbietet, wie auch übers Zuschauen und Imitieren.
Weitere Eigenheiten, über die ein:e DJ verfügen sollte sind Schnelligkeit und Präzision in der Musik wie auch in der Bedienung des eigenen Geräts. Das Publikum zu lesen, ist eine Kunst, die nicht unerheblich zur Stimmung eines Abends oder einer Nacht beiträgt. Insgesamt aber sollte auch die Bereitschaft vorhanden sein, Fehler zu machen, um sich weiterentwickeln zu können.

Geschrieben von: the.goth.teacher
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