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Diese Band bedarf keiner Vorstellung, sie ist seit Jahrzehnten eine feste Grösse in der Schwarzen Szene – und hat die Verschmelzung von Drama und Musik wohl geprägt wie wenige andere: Die Rede ist von Das Ich, der Band um Bruno Kramm und Stefan Ackermann.
Mit dem neuen Jahr erschien 1991 das erste Album der Band, «Die Propheten». Elf Stücke bilden den Auftakt dieser nun bereits 35 Jahre währenden Präsenz, sie legen ein Fundament, auf dem 14 weitere Alben seither aufbauen. Doch es ist auch eine Grundlage, die einen schweren Stand schuf: «Gleich unser erstes Album wurde als Meilenstein bezeichnet, mit 30’000 verkauften Exemplaren. Während wir zuvor in Abgeschiedenheit unserer Passion nachgingen, standen wir nun auf einmal im Fokus.»
Obschon der Erfolg verdient war, führte er doch zu einer Blockade: Stefan und Bruno strebten nach Perfektion, wollten sich selbst und den Hörer:innen gerecht werden. Das führte zunächst dazu, dass sie sich emanzipatorisch von der Szene lossagen wollten, um zu vermeiden, in dieselben Klischees zu fallen. Entscheidend war es schliesslich, als die Künstler ihren Fokus änderten. Das Resultat ist «Staub», ein Album, das scharfe Sozial- und Gesellschaftskritik äussert – ein Umstand, der auch jedes kommende Album prägen würde.
Wer ein Genre geprägt hat, das sich Neue Deutsche Todeskunst nennt, dessen Texte beschäftigen sich auf vielerlei Ebenen mit selbigem. Ob in der Vertonung und Inszenierung der Morgue-Gedichte von Gottfried Benn oder in Versen wie aus ‘He Mensch’ (Egodram: 1998): «Wir üben heute schon den Tod von morgen/Dass einer Tod meint und doch vom Leben spricht.», der Tod ist im Oeuvre der Band allgegenwärtig. Der scheinbare Gegensatz zwischen Leben und Tod findet im Stück ‘Vanitas’ eine weitere Klimax, wenn Das Ich ‘Es ist alles eitel’ (Andreas Gryphius) zitieren, ein barockes Sonett.
Trotz dieser Omnipräsenz des Todes – sie ist gerade in der Schwarzen Szene stark formend und in der Musik ebenso wie in der Bildsprache sichtbar – ist die Lyrik der Band so vielschichtig wie wohl kaum eine andere: Ökologische Themen, Gesellschafts-, Religions- und Herrschaftskritik, psychologische Themen sind nur einige der Bereiche, in die Das Ich vordringt. Schier unzählbar sind die intermedialen Referenzen zum Werk von Gottfried Benn, der Bibel, Georg Trakl und vieler anderer[1].
Die Referenzen erschliessen sich nicht immer im ersten Moment, doch sind sie integraler Bestandteil der Stücke und machen einen besonderen Reiz aus. Immer aber steht am Anfang der Entstehung eines Stückes eine metaphysische Idee, die sich weiterentwickelt: «Dann wächst sie wie ein Garten, den du nicht pflegst, am Ende siehst du dann, wo du die Pflanzen schneiden und zähmen musst.»
Inspiration ziehen Das Ich aber nicht nur aus literarischen Werken, sondern gerade heutzutage auch aus dem gesellschaftlichen Wandel, gegenwärtigen Entwicklungen und Geschehnissen. Ein Beispiel findet sich auf dem neusten Album. Bruno Kramm beschäftigt sich intensiv mit Künstlicher Intelligenz, wie seine Reden oder auch die Erkenntnisse seiner Arbeit im KI-Bundesverband. ‘Genesis (Urknall)’ erzählt die Schöpfungsgeschichte, aber eben nicht aus menschlicher Sicht, sondern aus der Perspektive einer KI. Das kratze eben an der menschlichen Hybris, wenn auf einmal feststehe, dass eine KI messbar klüger sei als der Mensch.
Überhaupt ist Bruno Kramm ein Mensch, der sich intensiv mit Maschinen beschäftigt. Seine Expertise beschränkt sich nicht nur auf Künstliche Intelligenz, sondern ist wesentlich weitgreifender. «Unsere Subkultur hat immer schon den Anspruch gestellt, nicht Massenkonsum zu sein, aber es ist eben gefährlich, dass Kunst und Kultur durch KI so entwertet werden.» Er beschreibt dabei den Bogen von Sensoren, die den Gemütszustand messen und in einem beliebigen Streamingdienst eine allzeit angenehme Soundwatte schaffen, zur Idee, dass in Zukunft Stars durch das eigene Ich ersetzt werden könnten – mittels VR/AR wird die konsumierende Person ins Zentrum des Films oder eben der Bühne versetzt und steht selbst im Mittelpunkt.
Bruno konstatiert, dass die heutige Kulturindustrie ganz grundsätzlich den perfekten Kapitalismus manifestiert und ausbaut. Doch wer massgeschneiderte Musik, Filme, Bücher erhält, der versinkt immer weiter in wohlige Wattenwelten und den trifft die Realität umso stärker. In einer werteenthobenen Welt, in der oft sogar naturwissenschaftliche Disziplinen als meinungsgesteuert bezeichnet werden, in der Dinge durch KI vervielfältigt werden, ist Orientierung gefragt. «Dass wir uns dieses schöne Geschenk, Dinge zu erschaffen, als Erstes wegnehmen, ist traurig» stellt der Künstler fest. «Oligarchen haben das Weltwissen entwendet und meinen nun, kraft ihres Reichtums eine neue digitale Monarchie schaffen zu dürfen.»

Es ist nun aber die Kunst, die einen Weg finden muss – weg von der Wand, an die wir uns selbst manövriert haben. Bruno zitiert Adorno, wenn er sagt, die Musik sei die Kunstform, die am nächsten daran ist, etwas bewirken zu können, insbesondere die Idee zu einer Revolution zu entfachen.
Der Künstler beschreibt in diesem Kontext ein Experiment, in dessen Rahmen er Figuren entworfen hat für ein Drama: Mehrere KI-Modelle wurden angeleitet, ein spontanes Theaterstück auf Basis dieser Figuren zu entwerfen. «Es lässt sich sehr viel lernen über Bewusstsein oder unsere Kognition. Aber die KI verstärkt die Nivellierung von Kunst, Kultur, aber eben auch der gesellschaftlichen Wahrnehmung.» Je stärker die Menschen in dieser Gleichschaltung aufwüchsen, desto schwieriger falle die Auseinandersetzung mit Fiktion oder Realität, wenn sie dem nicht entspricht: Das generiert Angst, und sie ist selten eine gute Wegweiserin, wie sich in der Vergangenheit bereits zeigte.
Bruno ergänzt: «Es wird heutzutage zu wenig darüber nachgedacht, weshalb die Dinge so sind, wie sie sind. Viele Menschen haben Angst vor dem Wandel, sie flüchten sich ins abgeschlossene Idyll der 1960er Jahre.» In einer globalen Welt wie unserer taxiert er diesen Trend zu rückwärtsgerichteten Ideen als verheerend.
Genau hier hält Das Ich aber den Finger in Wunden und zeigt, dass Kunst unbequem sein und auf das Hässliche hinweisen muss. Das neuste Album «Fanal» beschäftigt sich folglich nicht nur mit Protagonisten, sondern rückt auch Antagonisten in den Fokus. Die Anlehnung an Dadaismus und Expressionismus ist ebenfalls von hoher Relevanz für die Art und Weise, wie Das Ich Inhalte vermittelt: Das Schreien, das Unbezähmbare, die stark überzeichnete Darstellung – das alles gehört zur Essenz der Kunst von Das Ich.
Auch wenn wohl nicht jede:r die Ausdrucksstärke einer Live-Performance positiv aufnimmt, so ist sie ein Schlüssel zu Das Ich. Bruno erzählt von einer Reise nach Japan, die Stefan und ihm vor Augen führte, dass sie mit ihren Auftrittskonzepten auf gutem Weg waren: In Japan nämlich besuchten sie eine Ankoku Butō – Vorstellung. Ins Deutsche übersetzt heisst dieses Tanztheater, das über keine feste Form verfügt, «Tanz der Finsternis» und stellt eine nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Gattung dar. «Wir fühlten uns dadurch bestätigt und inspiriert.»
Es lohnt sich, Teil der Live-Performance zu werden im Publikum: «Wir sind bis heute erstaunt darüber, wie wenige Nachahmer unsere Performance gefunden hat. Stefan versteht es wie kein anderer, Texte in Gesten und Ausdruck zu transformieren. Er hat diese Kunst auf seine persönliche Art und Weise perfektioniert.» Im Laufe der Jahre haben sich für die einzelnen Stücke Rituale entwickelt. Eine Darbietung der Band bezieht immer auch das Publikum ein, sei dies durch Blickkontakte oder aber auch, wenn Zuschauer:innen zu Souffleur:innen werden.
Doch das Publikum wird auch auf eine ganz andere Weise Teil des Konzertes: «Die Aura an Energie, die einem auf der Bühne entgegenwallt, ist unglaublich – davon abhängig zu werden, ist nicht weithergeholt.» Die Nahbarkeit, die sich auch nach dem Konzert ergeben darf, könnte denn auch als letztes Quäntchen betrachtet werden, das die Gothic Subkultur überleben lässt, denn sie ist ein mögliches Alleinstellungsmerkmal: «Du siehst in den Gesichtern, die dir zugewandt sind, auch ein wenig, was für eine Person das ist, wie sie gewachsen ist.» Bruno betont das gemeinsame Erleben und dass die Rezeption der Stücke in diesen Momenten am sichtbarsten ist.

In einem Gespräch mit Dr. Tristan Behrens erklärt Bruno 2021, dass die Musik, wie Das Ich sie machen, durch KI so einfach nicht zu ersetzen sei, da sie Brüche und zu viel Ungewohntes enthalte. Wer die Alben der Band anhört, stellt unmittelbar fest, dass hier wenig Gewohntes oder gar Repetitives zu finden ist. Jedem Album wohnt ein Grundgedanke inne – ein Klang oder eine Zeile, ein Satz.
Bruno erzählt: «Die Räume und Orte, an denen Stücke entstehen, sind zentral. Jeder Raum, in dem du musizierst, spricht zu dir. Das ist schon an sich durch das Echo gegeben, aber es gibt Umgebungen, die eine besondere Wirkung haben.» Als einen solchen Ort beschreibt Bruno einen Stein am Ufer einer Schäreninsel: Er sitze oft dort mit seinem Cello und nehme die Atmosphäre auf.
In diesem Kontext erscheinen auch die Geräusche, die in zahlreichen Stücken die Atmosphäre erschaffen oder verdichten. Das kann das Aneinanderreiben von Bimsstein sein, was er als besonders störend empfindet – oder aber das Surren von Millionen von Stechmücken: Letzteres wäre zu hören gewesen auf einem Song, der es schliesslich nicht auf das Fanal-Album geschafft hat: «Das klingt richtig eklig und gruselig.»
Als wenig inspirierend empfindet der Künstler gegenüber den beschriebenen Orten hingegen das Studio: «Dort entsteht gar nichts. Es gibt nichts Schlimmeres für mich, als im Studio zu sitzen und die Songs am Ende zusammenzuschustern.» Er bezichtigt sich selbst der Prokrastination.
Während der Entstehungsprozess insgesamt oft sehr unterschiedlich ausfällt, steht immer das Zusammenspiel von Stefan und Bruno im Zentrum. Gefällt der Entwurf zu einem Stück dem einen nicht, so wird es verworfen: Das mutet schon fast ein wenig zen-buddhistisch an, denn auch hier kreiert man einen wundervollen Garten, den man im Anschluss wieder zerstört. Aktuell, so viel sei an dieser Stelle verraten, arbeiten die beiden Künstler an einem neuen Album.
Inspiration bot in diesem Fall der sokratische Dialog um Phaidon. In dem von Platon verfassten Werk ist das Leitmotiv die Unsterblichkeit der Seele, es geht also um nichts Geringeres als die vermeintliche Dualität von Leben und Tod. Die Arbeit am Album an sich initiierte eine einzelne Zeile des Werks: «Fleisch ist die Mauer, die mich hält. Ich bin ein Ich, das nach aussen fällt.» Das Publikum darf sich also freuen auf das, was kommen mag.
Ausserdem wird ein Novum auf dem kommenden Album zu finden sein, nämlich die Coverversion eines Stückes, das den beiden wichtig ist. Der Band vorzuwerfen, dass sie in den vielen Jahren des gemeinsamen Schaffens keine Weiterentwicklung durchgemacht hätten, wäre ebenso falsch wie zu behaupten, dass Sigmund Freuds Dreiteilung des menschlichen Bewusstseins aktuelle Gültigkeit besässe. Nicht in der Forschung, nicht in der Namensgebung.
Denn auch wenn die Band sich als Das Ich bezeichnet – sich zwischen moralischer Instanz (Über-Ich) und Animalität (Es) als kritischer Verstand manifestiert – so erlegt dieser Name der Wahrnehmung auch Grenzen, welche die Band übertreten muss. In den Anfängen war es noch ein Tabu, als Goth-Band in deutscher Sprache zu singen. Diese war nämlich entweder mit dem Dritten Reich assoziiert oder aber mit Schlager. Bereits hier wurde unmissverständlich klar: Diese Band setzt eigene Regeln fest.
Über all die Jahre hinweg blieb die Band sich in einem treu, auch wenn Inhalte und Stile sich verändert haben mögen und neue Elemente hinzukamen: Die Stücke zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Materie und kämpfen an gegen eine Welt, in der Fakten nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Das Album «Fanal» hat denn hier auch Signalwirkung: Die Geschichten, die erzählt werden, zeigen historische Kontexte und Figuren auf und sind doch Warnlicht für die Gegenwart.

Das neue Album wird mit Bestimmtheit anknüpfen, wo «Fanal» in einen Urknall mündete: pointiert, lyrisch gewaltig und von hoher Relevanz. Wenn Phaidon den Schierlingsbecher ansetzen wird, dann werden wir gebannt seinen letzten Worten folgen.
1990/91 Satanische Verse / Jericho
1991 Die Propheten
1994 Stigma
Staub
1995 Feuer
Die Liebe (mit Atrocity)
1996 Das innere Ich
1998 Kindgott
Egodram
Destillat
Morgue
1999 Re_Kapitulation (Best of, USA)
2000 Re_Laborat / Re_Animat (französische., US- und russische Edition)
2002 Anti’christ (US- und französische Edition)
Momentum
2003 Relikt (Best of)
2004 Lava: Glut
Lava: Asche
Lava (US-Edition)
2006 Cabaret
2007 Addendum
Alter Ego
2014 Cabaret
2026 Fanal
Menschen, die in der Zitadelle Spandau eine Heimat gefunden hatten bei den Danse Macabre Nights, sollten in den kommenden Wochen aufmerksam bleiben. Wie bereits bei der letzten Ausgabe angekündigt, werden sich neue Horizonte eröffnen.
Das Ich gehen auf Tour und werden am 1. August in Mexico City spielen (Orus Festival), im September in Granada, Spanien (25. September). Weitere Termine sind 9. Oktober (Rockfabrik, Übach-Palenberg), 17. Oktober (Dark Void-Festival, Club Vaudeville, Lindau) und 20. November (Helsinki Industrial Festival).

Die Wunden unserer Torheit: Grund der Seele
Das Zeitalter der Maschine: Genesis (Urknall)
Den Tod üben: He Mensch
Ruh dich aus und schrei.. Der Schrei (Addendum: 2007)
Im Innern des Ich: Das innere Ich (2010)
[1] Besonders hohen Stellenwert im Bereich der Inspiration hatte der Gedichtband Menschheitsdämmerung, der ab 1919 in mehreren Auflagen erschien. Herausgeber war Schriftsteller und Journalist Kurt Pinthus.
Geschrieben von: the.goth.teacher