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CD NEWS

Klanggespräche: Rue Oberkampf: ‚Eiszeit‘

today23. Juni 2026 3 5

Hintergrund
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Rue Oberkampf begleiten den Pre-Sale von «The Singles 2018-2026» mit der ersten von zwei angekündigten neuen Singles. Diese erste Single trägt den Titel ‘Eiszeit’. Für das angekündigte Album verantwortlich zeichnen sich Julia de Jouy und Oliver Maier. Bei Mixing und Mastering sind bekannte Namen wie Eric Van Wonterghem (Absolute Body Control) und Geistha (Oh Madonna) zu finden. Die erste Single weckt auf jeden Fall die Vorfreude auf das Kommende.

Ein wenig Nostalgie

Wir befinden uns mitten im Känozonischen Eiszeitalter, und zwar seit rund 34 Millionen Jahren. Eine Eiszeit umfasst nämlich nicht nur die Kaltzeiten, sondern eben auch die Interglaziale, wie die Warmzeiten in der Fachterminologie genannt werden. Rue Oberkampf aber beschäftigen sich nicht mit einem so langen Zeitalter, sondern sie referenzieren auf die 1990er Jahre, wenn sie im Song konstatieren: «Die Neunziger sind vorbei.».

Mit ihrer Single benennen Julia und Oliver eine Problematik, die nicht nur heute in der Schwarzen Szene debattiert wird, sondern auch schon im Damals. Die Szene findet ihre Wurzeln im Punk der 1980er Jahre, ist geboren aus dem Widerstand gegenüber gesellschaftlicher Enge und in Verbundenheit mit den Schwächeren. In den 90er Jahren wird nun aber jene Veränderung angestossen, die zur heutigen Schwarzen Gemeinschaft führte.

Mit dem Entstehen vielleicht auch des Wave-Gotik-Treffens 1992 initiiert die Szene eine Veränderung: Die Vernetzung wird besser, mit dem Aufkommen diverser Sozialer Medien wie MySpace, Facebook und nun Instagram wird es möglich, die kleinen und oftmals regional verankerten Gruppen zu einer weltweiten Gemeinschaft zu verbinden – doch das kommt auch mit einem Preis: «Sie sagen, besser wird es nicht.»

Es erfolgt eine Öffnung, musikalische Liebschaften mit anderen Subkulturen, manchmal auch nur eine kurze Affäre: Future Pop, Harsh Electro, Dark Techno bis hin zu Neuer Deutscher Härte. In all dem erwuchs eine Diskrepanz und Spaltung, Tradition versus Hedonismus: neue und innovativere Formen wie die Cyber Electro Goths wurden kritisch begutachtet und viele sehnten sich nach einer früheren Zeit.

Das Stück von Rue Oberkampf legt den Finger in diese Wunde: «Was mal war, wird niemals sein.» Die Erinnerungen nämlich an das Zuvor sind vielleicht sehr trügerisch: Was, wenn das, was angeblich war, so nie existiert hatte? In unserer Erinnerung ist die Welt schwarz und schön, aber der Weg führt uns in die Zukunft, auch wenn Nostalgie uns in die Vergangenheit versetzt.

Vielerorts wird der Status Quo unserer Szene als sterbend bezeichnet, der im Rahmen der Klimaforschung 1837 geprägte Begriff des Weltwinters träfe wohl für viele zu. Doch übt das Stück doch gerade daran Kritik: Musik, Kleidungsstile und die Art, wie wir feiern, haben sich gewandelt – sie sind nicht besser geworden oder schlechter, nur einfach anders.

Wer traditionelle Szene sucht, der findet im Gothic Rock oder im EBM Zuflucht. Wer Ursprünglichkeit in der Kleidung sucht, findet sie auf den Darkwave-Dancefloors der Klubs. Das Stück selbst zitiert und findet vielfache Anlehnungen in «klassischen» Stilen wie Post Punk, Synth Wave oder Minimal – oder auch Referenzen zum gleichnamigen Stück von IDEAL (‘Eiszeit’, 1981) oder zu ‘Eisbär’ (1980) von Grauzone.

Während die Vocals eine betont düstere Atmosphäre schaffen, mäandert der Sound zwischen Rave, Post Punk, Hard Dance und Minimal Synth. Das Tempo ist treibend, eine grundlegende Gegensätzlichkeit zwischen Gesang und instrumentalem Part erzeugt eine weitere Spiegelung auf inhaltlicher Ebene. Der Song fordert auf, Bekanntes neu zu denken, schon nur durch all die Referenzen.

«Besser wird es nicht»

‘Eiszeit’ beschäftigt sich mit einer Debatte, die wohl immer aktuell bleiben wird – eine vergangene Ära als Idealzustand wahrzunehmen, das ist vermutlich ein menschlicher Charakterzug, der uns allen innewohnt. Veränderungen aber nicht nur abzulehnen, sondern Vergangenes auch einmal ruhen zu lassen, dazu fordert ‘Eiszeit’ uns auf: Die Erinnerungen, die uns alle in Momenten der Unruhe tragen und retten, sollen bewahrt werden: «Willst du mit mir nostalgisch sein?»

Diese Momente der Vergangenheit sollen aber verstanden werden als gemeinsame Erinnerung, als ein kollektives Gedenken. In den beiden Versen «Schau nicht nach vorn/Schau nicht zurück» kumuliert sich ein weiterer Gedanke: Carpe Diem (oder nach gotischer Tradition natürlich: Carpe Noctem): Das Jetzt ist es, was zählt. Oder vielleicht sollten wir es auch in den Worten jüngerer Generationen ausdrücken: YOLO?

Das Stück zitiert, denkt neu, weckt Nostalgie und Erwartungen: Es ist schlicht ein erneuter Geniestreich der Musiker:innen Julia de Jouy und Oliver Maier: Die Meisterschaft der Band zeigt sich in den subtilen Reminiszenzen, die dennoch den von so vielen Hörer:innen geliebten Klangwelten von Rue Oberkampf treu bleiben.

 

 

Geschrieben von: the.goth.teacher

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