Radio Schwarze Welle Radio Schwarze Welle

Read the English version here.
Der Musiker eröffnet die Hauptbühne des Amphi-Sonntags, wirkt bescheiden. Er drückt Dankbarkeit aus den Zuschauer:innen gegenüber, die bereits für diese erste Show am Morgen zum Tanzbrunnen gekommen sind: Jay Taylor ist das charismatische Mastermind hinter j:dead. Der Musiker, der bereits in Bands wie Tyske Ludder oder Tactical Sekt mitgewirkt hat, tritt mit j:dead als Solokünstler in Erscheinung. Die aktuelle Reihe von Singles ist angelegt auf einen Jahreszyklus – von den zwölf stehen acht noch bevor. Wer j:dead bereits live erlebt hat, weiss, dass es eine Reise sein wird, die nachhallen wird.
Als Jay im Jugendalter eine Gitarre erhielt, begann seine Faszination für Musik. Bereits im College spielte er in Bands, er sah sich immer als «Goth-Metalhead», begeisterte sich aber ebenso für Tanzmusik wie Trance. Als er von einer Band für eine erste Zusammenarbeit angefragt wurde, besiegelte dies seinen Weg als Musiker – der erste bezahlte Gig folgte bald mit Tactical Sekt, parallel war Jay Vokalist einer britischen Metalband.
Die Reise ging weiter mit verschiedenen Bands und zahlreichen Live-Engagements, unter anderem bei Tyske Ludder. Der Spass, andere Bands zu unterstützen, ist bis heute geblieben. Gleichzeitig wuchs das Bedürfnis, ein eigenes Projekt zu gründen. So entstand 2017 die Idee zu j:dead, im Dezember 2019 erschien die erste Single, ‘’Haunt’’. Nachfolgende Publikationen erschienen unter dem Label Infacted Records.
Mit der ersten Single ‘’Pressure’’ eröffnete j:dead die für ein Jahr geplante Serie an Singles. Bisher sind davon die folgenden Titel erschienen: ‘’Disgusting’’, ‘’Who Knows’’ und ‘’Feeling Alone’’. Auf den ersten Blick fasziniert das Artwork, das bewusst in Graustufen gehalten ist und von Dokodema (Nils van Hoeckel) gestaltet wird. Es folgt einer klaren ästhetischen Narration und rückt die inhaltlichen Schwerpunkte der Songs ins Zentrum.

Das Lied ‘’Disgusting’’ etwa beschäftigt sich mit Perspektiven und der Frage, wie man sich selbst im Gedankenspiegel erkennt. Das Artwork zeigt ein blosses Auge, über das Balken in verschiedenen Grauschattierungen gelegt sind. In all diesen Balken mag sich das eigene Ich spiegeln und die Idee, dass sich dieses auch selbst belügt: «There’s a mirror in my way, I’m pretending im ok.» Bereits in diesem Kernsatz verdichtet sich die Quintessenz der Stücke von j:dead: Emotionen.
Das aktuelle Projekt beschäftigt sich mit grossen Gefühlen: Es geht darum, den Moment zu ergreifen und damit auch die Emotionen. Der Schaffensprozess war einer, der in Isolation stattfand. Die Lieder entstanden, indem Jay sich darauf fokussierte, Augenblicke der Emotionalität zu fassen und in Klänge und Text zu übertragen. Die Melodien und Inspirationen speisen sich aus der eigenen Musikbiografie. Besonders zentral ist, dass harte Bässe und die Weichheit der Melodien Gegensätze bilden und dadurch erst eine Ganzheit formen.
Dass es genau zwölf Songs sein werden, ist auch der aktuellen Musiklandschaft geschuldet: Regelmässigkeit ist gefragt, und so formen zwölf Emotionen und Ideen eine Odyssee, die sich Monat für Monat entfaltet. Die Hörer:innen können gespannt sein, wohin sie führen wird.
«Es ist immer ein wichtiger Moment, wenn Songs veröffentlicht werden. Das Entlassen der Werke auf die Plattformen bedeutet, dass dem Moment der Erleichterung und Vollendung auch die Furcht vor den Reaktionen vorangeht.»

j:dead muss man live erlebt haben, das ist klar. «Ich mag es ganz einfach, auf der Bühne zu stehen, Menschen zu unterhalten und die Rolle einzunehmen, die mir die Musik gibt.» Die Freude an der Live-Performance teilt Jay mit seinen Freunden, sein Line Up besteht aus Hiler Tintel (Bass/Gitarre), Andreas Schmitz (Schlagzeug), and Matt Dunne (Gitarre). Diese Verbundenheit merkt man dem Auftritt an, die Energie des Frontmannes überträgt sich auf Bandmitglieder ebenso wie auf Publikum.
Auftritte fanden bereits an Festivals wie dem Amphi in Köln als auch am Wave-Gotik-Treffen statt. Shows in Grossbritannien sind üblicherweise kleiner, daher ist es schwieriger, ein Konzert ohne Verlust durchführen zu können. Jay bedauert es, dass die Musikbranche sich teilweise stark in Richtung einer kompetitiven Gesellschaft orientiert. Neue Festivals bekunden Mühe dabei, existieren zu können.
Jay hält fest: «Es ist wichtig, dass die Leute, die zu einem Konzert kommen, auch die Unterhaltung erhalten, die sie sich wünschen. Live-Shows fühlen sich so energiegeladen an wie in vergangenen Tagen.» Selbst eine schwere Verletzung hält den Musiker nicht davon ab, heute nach einer Pause wieder voller Enthusiasmus auf der Bühne zu stehen.

Auf seinen Schaffensprozess angesprochen, sagt Jay: «Die Musik kommt aus mir selbst, aber oft realisiere ich erst viel später, was darunterliegt. Aber viel wichtiger als meine Intention ist das, was die Hörer:innen daraus machen.» Beim Hören wird rasch klar, wie eindringlich die Stücke wirken. Eines der Vorbilder von Jay sind Nine Inch Nails, die er nicht nur mag, weil sie verschiedene Stimmungen kombinieren, sondern eben auch ihrer Intensität wegen.
j:dead verbindet Einflüsse der 90er Jahre wie The Prodigy, Synth-Pop der 80er wie Depeche Mode und Elemente des Shoegaze. Eine aggressive Bassline trifft auf einen melancholischen Unterton – daraus entsteht ein Werk voller Kraft. Für Jay ist Musik Ausdruck dessen, was Emotionen bedeuten, und der direkteste Zugang zu seinem Inneren. Sie kann für die Hörer:innen etwas tun, sie aufheitern oder die eigene Melancholie spiegeln. «Spannend ist, dass diese Beeinflussung oft auch unerwartet ist. Musik vermag letztlich Vieles, was Worte alleine nicht können.»
Der Name der Band bildet ein Wortspiel mit dem englischen Begriff ‘jaded’: Sich tief in Gedanken versunken sein, aber auch erschöpft. In seiner Performance und seinen Songs ist von Müdigkeit aber nichts zu spüren, nicht alle Künstler:innen vermögen es, ihre Energie über ein ganzes Konzert hinweg so hochzuhalten, wie dies Jay tut. Er erläutert: «Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich realisiert habe, dass ich nicht müde bin, aber ich die Geduld für Dinge verloren habe, die so einfach nicht sein sollten in unserer Gesellschaft.»
Güte und die Fähigkeit, sich mit dem Publikum verbinden zu können, sind für Jay weit wichtiger als die handwerklichen Fertigkeiten. Letztere lassen sich erlernen, während sich Verbundenheit und Menschlichkeit in einem finden – oder nicht. In das Musikbusiness einzusteigen und sich zu behaupten, das sei eine seelenlose Reise, die man alleine antritt: egal, wie gut oder schlecht man ist, ein weitreichendes Netzwerk ist aber ebenfalls hilfreich.
Dass j:dead ein Werk geschaffen hat, das überzeugt und eine hohe Intensität vermittelt, ist unbestritten. Live ist die Band ein Feuerwerk der Emotionen, nahbar und doch unbezähmbar – eine jedenfalls, deren Bann man sich nicht entziehen kann, und auch nicht sollte.

Geschrieben von: the.goth.teacher
British Dark Industrial Dark Elektro Dokodema Infacted Records J:Dead Shoegaze Synthpop Tactical Sekt Tyske Ludder uk