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Ihr Name bedeutet Flüstern, doch sie wollen nicht still bleiben: Die Industrial-Metal Band Susurration wurde 2021 gegründet und besteht heute aus Jessy Bäsecke-Beltrametti (Lead, Vocals), Sabina Brunner (Gitarre), Hannes Bachofner (Keys) und Dave Wieser (Drums). Ihre neuste EP «Dominance» erschien im April 2026: Nebst Live-Auftritten erwartet die Hörer:innen bald auch eine neue EP.
Erwartbar ist die in der Namensgebung implizierte Stille jedoch nicht bei einer Band im Genre des Industrial-Metals. Jessy erläutert: «Stille existiert im Zusammenhang mit dem Zuhören.» Die Menschen sollten einander wieder vermehrt zuhören, Musik könne aber auch Menschen, die Angst empfänden und in einer Starre verharren, Ruhe geben. Die Musik von Susurration soll für jene schreien, die es selbst nicht vermögen.

Die Band stellt queere Inhalte in das Zentrum ihres Schaffens. In gewisser Weise ist denn auch die Musik der Band aktivistisch. Bemerkenswert ist dabei, dass Bandleader:in Jessy stets in engem Kontakt mit jenen Menschen steht, von deren Belange die Stücke handelt. Als Beispiel führt they ein Stück über körperdysmorphe Störungen (BDD) an. Wichtig ist der Band über die akkurate Darstellung hinaus auch das Vermeiden von Triggern gegenüber Betroffenen, die ein Konzert besuchen.
Die Auseinandersetzung ebenso wie der Umgang damit auf der Bühne geschehen auf Ebene der Lyrics ebenso wie auf musikalischer Ebene. Im Stück ‘Gender is a Battlefield’ finden sich diese Inhalte verdichtet auf drei Versen wieder: «Gender is a battlefield!/Gender is a trap./Behind all this tragedy.» Überall, wo Stimme stark in den Bereich Noise geht, war dies für Jessy attraktiv, da das Geschlecht dadurch in den Hintergrund tritt. Auch Corpse Paint schafft im ästhetischen Bereich diese Ambivalenz. Nicht-verzerrende Momente im Live-Auftritt schaffen schliesslich Vulnerabilität, die aber in diesem Moment gewollt und richtig ist – und dem Publikum Augenblicke der Intimität und Nahbarkeit verschaffen.
Doch wie gelingt es, den Moment des Stillstandes musikalisch einzufangen? Susurration jedenfalls sind darin erfolgreich: In ihrem Schaffen verbinden die Musiker:innen theoretisch fundiertes Wissen – Jessy doziert an der Zürcher Hochschule der Künste – mit gelebter Leidenschaft. Zahlreiche Kollaborationen ergänzen hierbei die musikalische Arbeit. «Gegenseitiges Remixen stellt für mich auch Wertschätzung dar nebst der Möglichkeit der Vernetzung. Ein Remix gleicht in seiner Funktion einem Patch, den ein Fan auf seine Weste näht.» In der musikalischen Arbeit fänden sie persönliche Verbindungen und versuchten dabei, Menschen zu unterstützen, die ihnen wichtig seien, erläutert Jessy.
Ein weiteres Themenfeld im Zentrum ihres Schaffens ist BDSM. Eine inhaltliche Parallele zwischen Noise und Schmerz- oder gar Extremerfahrungen legt Grundsteine für Alben wie «Make Love Like War». Jessy erläutert: «Bei einer Gratwanderung muss eine hohe Konzentration vorliegen, ein Hyperfokus. Hier ordnen sich auch Schmerzerfahrungen, wie beispielsweise bei BDSM ein.» Die Band sieht in der konstruierten und oft wechselnden Dynamik einer D/s-Beziehung eine Durchbrechung patriarchaler Machtverhältnisse, der Musikstil von Susurration trägt dazu bei, dies sichtbar zu machen.
Die Party soll, ähnlich wie beispielsweise bei dem Grundgedanken einer Pride Parade, als Revolutionserfahrung gelesen werden – Musik als politische Aktivität. Jessy ist es ein Anliegen, dass Lyrics und Videos nie mit einem rein männlichen Blick gelesen werden: «Gerade als Mensch, der im Vorbeigang häufig eher männlich gelesen wird, ist für mich diese Auseinandersetzung von zentraler Relevanz.» So enthält denn folgerichtig die Dramaturgie des Albums «Make Love Like War» auch die Nachsorge, die sogenannte ‘Aftercare’.

Jessy erzählt von einer Anekdote des eigenen musikalischen Werdeganges: Bei einem frühen VNV-Nation-Konzert erwähnte Ronan Harris non-binäre Geschlechtsidentitäten. Das war für Jessy einer jener Momente, der in them den Wunsch verstärkte, sich für Empowerment und Gemeinschaft einsetzen zu wollen. Sie soll den Menschen Energie zurückgeben und ihnen Mut machen sowie das Gefühl vermitteln, sich gesehen zu fühlen.
In der Aussenwahrnehmung der Szene lässt sich dabei feststellen, dass gerade die Subkultur unangenehme Themen anspricht und dabei auch Ungerechtigkeiten und Unschönes zutage fördert. Die Musik sperrt sich dagegen, Susurration wollen dem Vorbild früher Industrialbands folgen. Leider, so Jessy, funktioniere dieses Aufbrechen immer nur für kurze Zeit, denn eine Gewöhnung an die Brüche geschehe oft zu schnell.
«Mein Wunsch an unsere Musik ist es, dass Menschen sich in ihrem Sein verstanden und gesehen fühlen. Wenn ich dies merke, so ist das für mich das grösste Glück.» Weiter ist die Musik eine Sprache, die es Menschen, die nicht direkt von einer Erfahrung betroffen sind, erlaubt, an dieser Erfahrung teilzunehmen oder sie wenigstens zu verstehen. Die Ermächtigung Betroffener ist jedoch ebenso das Ziel und soll im Vordergrund stehen.
Für Bandleader:in Jessy verschränken sich Theorie und Praxis im künstlerischen Schaffen. They war lange auch im Bereich der Filmmusikkomposition tätig und zahlreiche Dramen bilden die Grundlage weiterer Arbeiten. Das Kreieren beschreibt Jessy folgendermassen: «Auf der einen Seite gibt es das gewissermassen Mystische: Ein Klang berührt und erzeugt eine Emotion. Aber ich habe eben auch das Wissen, dass ein bestimmter Akkord zu einer gezielten Reaktion führen kann.»
Im Zentrum der Gestaltung eines Stückes stehen die Atmosphäre und die Handlung, die Mitglieder der Band verändern im Arbeitsprozess ein Stück hin zum finalen Produkt. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie beispielsweise «The Sadist Song You’ve Ever Hurt» ist minutiös geplant, beginnt reduziert und steigert sich hin zum Finale.
In der Bildenden Kunst findet Jessy die grösste Inspiration. «Bin ich im Urlaub in einer neuen Stadt zieht es mich immer in die Museen für moderne Kunst, oder auch in subkulturelle Räume. In Dänemark stand ich in einer Ausstellung und wusste: Ich möchte meine Musik genauso kompromisslos machen wie diese Künstler.» Gemeint ist eine Ausstellung zu den Werken der Chapman Brothers, die McDonalds Clowns zeigen, die apokalyptische Szenerien aufzeigen.
Musikalisch inspirieren lässt Jessy sich von den ersten Alben, die den Weg in their Albensammlung fanden: Diorama, Skinny Puppy, Einstürzende Neubauten, aber neuerdings auch Witch Club Satan – gerade in Bezug auf die Show böte letzere Band viel Inspiration.
Angesprochen auf literarische Hintergründe der Musik meint Jessy: «Ich lese wahnsinnig langsam. Durch die Beschäftigung mit Fachliteratur habe ich in den letzten Jahren wenig Literarisches lesen können, aber früher war es oft Schwarze Romantik. Sebastian Fitzek hat ein paar Kniffe, die mich im Lesefluss gehalten haben. Aber mit der Zeit entzaubert sich ein:e Autor:in, wenn man die Tricks durchschaut. Das bestätigt meinen Anspruch: Ich möchte meine Musik spannend halten.»

Musik kann, stärker als andere Medien, eine Zeitreise ermöglichen, Erfahrungsbrücken schaffen und Emotionen und Zustände erfahrbar machen. Auch wenn es in der Berufsmusik eben auch entromantisiert heisst, oft dieselben Sequenzen zu spielen und zu wiederholen, so ist Kunst doch eine Aufgabe, die keine Option für die Künstler:in darstellt: «Kunst muss ein innerer Drang sein. Um diesen oft steinigen Weg zu gehen, muss man gar nicht anders können als Musik beziehungsweise Kunst zu machen. Es muss ein inneres Bedürfnis sein, damit es funktionieren und glücklich machen kann.»
Für Susurration ist ihre Botschaft denn auch klar: Sie wollen Gehör verschaffen, Veränderungen anstossen: Als nächstes dürfen die Fans eine besondere Single erwarten, nämlich einen Remix zusammen mit der Death Metal-Band Human Abyss. Ausserdem lohnt sich ein Besuch beim Royal Baden am 23. Oktober 2026 – Susurration und Tomorrow’s Ghost verheissen einen Abend voller Energie.
Geschrieben von: the.goth.teacher
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