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Photophore sind Organe, «die in der Lage sind, Licht zu erzeugen» (Wikipedia, 12. Juli 2026), wörtlich aus dem Griechischen übertragen sind sie Träger des Lichts. Die Band photophor aber betont die Dunkelheit. Zu ihrer Namensfindung erklärt Asch: «Es sollte eine Bezeichnung sein, die einen gewissen Anspruch hat und welche die Neugierde weckt.» Die Tiefseelebewesen, denen Photophore insbesondere zugeschrieben werden, sind weitgehend unerforscht. Auf die Band übt es eine Faszination aus, das durch den Menschen Unberührte zu finden.
Beschäftigen sich Hörer:innen mit dem Oeuvre der Band, so wird einem rasch bewusst, dass die Tiefe auch in den Lyrics zu finden ist. So fordern Asch und Kate ihr Publikum dazu auf, sich auf die Reise zu begeben: «Schrecke nicht davor zurück.» (photophor, ‘Reise ins Zurück’: 2025) Dementsprechend lässt man sich auch darauf ein, unbequeme Themen zu entdecken: «Wir möchten mit unseren Liedern einige Dinge ausleuchten und ins Licht rücken.»

Jedes Lied birgt eine besondere Bedeutung für Kate und Asch, viele sind an Erlebnisse und Emotionen gebunden, erläutern und erweitern diese. Eine besondere Geschichte erzählt ‘Zerbrechlich’. Nach dem Ende eines Wave-Gotik-Treffens sassen die beiden in einem Café – mit der gebotenen Melancholie nach diesem Grossereignis – und beobachteten ein Paar mit einer schwerstbehinderten Tochter.
Das bot Anlass, sich selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen: «Wenn die Eltern wissen, dass ihr Kind niemals alleine und selbstständig wird leben können, wissen, dass diese Gemeinschaft viel früher als in anderen Fällen nicht mehr da sein wird, das fasst mich einfach an. Ich habe da so grossen Respekt davor.» Asch erläutert weiter, dass sich solche Momente auf viele weitere Konstellationen übertragen und dadurch grosse Ergriffenheit entstehen lasse.
Das beschriebene Stück zeigt diesen Moment und die daraus resultierenden Gedanken in lyrischer Form. Das Kind ist «zu schwach zum Fliegen» und die Eltern selbst geben sich auf, um zu geben: Das Stück spinnt diese Überlegungen weiter und stellt die Frage, was denn wird, wenn die Eltern sterben. Geborgenheit und Liebe der Menschen, die Schutz boten, ist verloren in jenem Moment: In diesen Augenblick hinein wächst die Gewissheit, dass niemand anderes das Verständnis haben wird, so wie die Eltern es hatten. Doch während das Stück ‘Zerbrechlich’ einen sehr intimen und berührenden Moment aufzeichnet, finden sich in anderen Stücken gesellschaftliche Gegebenheiten, Konventionen, Prozesse, die aufgegriffen und diskutiert werden.
Ein Beispiel ist ‘Dreckfleck’, im Laufe dessen die Masken unserer Welt kritisiert und an den Pranger gestellt werden: «Rückgratloses Lamentieren,/aufgesetzte Freundlichkeit./Das Getue und Gehabe/Schützt dich nicht vor Scheusslichkeit.» Es ist eine Anklage an all jene Menschen, die sich selbst in egomaner Art und Weise ins Zentrum stellen.
Bei photophor geht die Musik zumeist vom Text aus, danach entsteht rund um den Text das Stück, das Kate und Asch zu einer Komposition verweben. Oftmals passt der Text sich dann den Rhythmen an, was für die Künstler nicht immer ganz einfach ist. Der Prozess ist ein sorgfältiger, Musik und die häufig komplexe Lyrik sollen in vollkommenem Einklang miteinander stehen.

Wer die Band also live sehen geht, wird auf keine Wohlfühloase treffen, sondern wird sich bewusst mit den Lyrics und der Sozialkritik auseinandersetzen müssen. Dabei schätzt Asch auch besonders einen kleineren Rahmen, der die Konzentration des Publikums in einem weitaus besserem Mass ermöglicht als ein Grosskonzert. Wer photophor erleben will, lässt sich auf mehr ein als auf ein simples Konzert. «Bei uns weiss man eben, wenn man sich mit unserer Musik auseinandergesetzt hat, dass sie nicht monoton ist. Es gibt starke Wechsel, auch in der Stilrichtung und in der Stimmung. Umso mehr freut es mich dann, mit den Gästen zu sprechen.»
Auf eine Zeitreise schicken Kate und Asch ihr Publikum bei ‚Timetravel‘: Hier wird von den Dingen erzählt, die wir nur über Geschichtsbücher kennen – und die vielleicht auch geschönt sind oder deren Wahrheit wir nicht abschätzen können. Die Band hingegen schickt uns auf eine gedankliche Reise – und gekoppelt an ein eindrucksstarkes Video entsteht hier ein Eindruck, der wenigstens visuell und auditiv die Vergangenheit zeigt. Die Zeitreise bewirkt beim Hörenden etwas: Auf diese Weise findet man vom Moment, die Leere zu fühlen («Feel the Emptiness») hin zum Füllen selbiger («Fill the Emptiness»). Indem wir uns ein Bild von etwas, in diesem Fall der Vergangenheit, machen, verlassen wir das Stadium der Unwissenheit.
Die Kunst ist dabei aus Sicht von Asch aber nicht allmächtig, denn obwohl sie sinnstiftend sein kann, überlagern oft eigene oder institutionalisierte Gedanken das tatsächliche Bild dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Asch sagt: «Musik ist tatsächlich so ein Werkzeug, dann kannst du dir da selbst einen Eindruck von vermitteln.» Dementsprechend sei Kunst in der Lage, etwas Bleibendes zu schaffen.
Musik kann Chancen eröffnen und den Leuten einen Weg zeigen, sich vertieft mit Dingen zu befassen, die unter Umständen auch ausserhalb der eigenen Kreise liegen. Gerade in der Schwarzen Szene attestiert Asch hier auch, dass die Menschen noch nicht so sehr in Oberflächlichkeiten verhaftet sind wie andernorts. Auch betont der Künstler, dass es auch Situationen gebe, in denen jemand Musik einfach konsumiere und sich berieseln lasse, vielleicht auch, um sich zu einem späteren Zeitpunkt vertiefter mit den Aussagen auseinanderzusetzen.
Asch und Kate wollen Gedanken anstossen. Deshalb ist ihnen der Austausch mit den Hörer:innen auch wichtig. Asch erläutert: «Wir legen den Finger in eine Wunde und die Leute sollen dann gucken, wie sie damit umgehen, welches Verständnis sie für ein Stück entwickeln. Aber alleine, wenn sich jemand mit unseren Texten auseinandersetzt und dann auch die Chance nutzt, mit uns darüber zu sprechen, und das tun wir sehr gerne, also es gibt ja nichts Schöneres, als wenn man weiss, es setzt sich jemand mit den Texten auseinander und nutzt dann die Chance, auch mit uns selbst darüber zu sprechen. Es ist für uns auch faszinierend, dann zu hören, wie Dinge vielleicht auch anders verstanden werden können, als wir sie angedacht hatten.» Interessant ist dabei, dass auch viele der Hörer:innen nicht aus dem deutschsprachigen Raum stammen.
Eine weitere Ebene ergänzen die Videos. Nicht nur im Falle von ‘Timetravel’ und ‘Der Jugend beraubt’ sind eindrückliche Videos entstanden, die einer klaren Vision folgen. Eindringlich, aber nicht zu explizit: Gerade ‘Der Jugend beraubt’ zeigt ein Thema auf, das wehtut. «Ich schlucke da immer noch, gerade am Anfang des Videos», sagt Asch. Denn das Stück zeigt Dinge auf, die auch heute noch Realität und Aktualität haben. «Wir legen den Finger in die Wunde, streuen Salz darauf – eigentlich handelt es sich um ein Wachrütteln.»

Obwohl die Band als solche noch jung ist, sind Kate und Asch seit vielen Jahren in der Schwarzen Szene unterwegs. Asch konstatiert: «Es ist viel Romantik verloren gegangen. Versetzt man sich zurück in die Zeit, als man in einen Plattenladen ging, erinnert sich an Geruch, Haptik, Stimmung, so wird klar, wie anders es heute ist.» Er stellt die Betrachtung eines Covers und das Herausziehen des Inlays dem Streaming gegenüber: Damals musste entschieden werden, für welche Musik das Geld reicht. Heutzutage sei Musik natürlich wesentlich zugänglicher, habe aber ihren Wert dadurch zu einem Teil auch verloren. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten unzählig geworden, mit einem Stück Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. «Und», so lacht Asch, «in unserer Szene darf man auch älter werden, ohne dass man hinausgedrängt wird.»
Was Kate und Asch erreichen wollen, ist, die Menschen zu berühren und ihnen eben auch einen Hafen zu bieten. Am deutlichsten wird dieser Gedanke in einem Stück aus dem Album «no music for the masses» (2026): Ein Vers erklärt, dass man in der Musik sein Schicksal finde (‘found her destiny’). Die meisten Menschen werden sich wiedererkennen, denn Musik kann in einem die Stille erkennen oder manchmal auch einfach die Schwere eines Tages übertönen.
Für die Zukunft treiben Kate und Asch ihre Kunst unbeirrt voran – schreibend, spielend, live. Ohne Management und Label bedeutet das einen steinigen Weg, doch sie schrecken nicht davor zurück. Denn photophor haben der Tiefe ihre eigene Leuchtkraft abgerungen. Ein Name, den man sich merken sollte: Ihre Texte sind eindringlich, reichen bis ins Innerste – und verweben sich mit einer dichten, atmosphärischen Musiksprache zu einem klanglichen Sog.

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Geschrieben von: the.goth.teacher
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