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KLANGNEUHEITEN

Klanggespräche: Im Käfig der eigenen Existenz

today10. Juli 2026 13 1 5

Hintergrund
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Im Käfig der eigenen Existenz

Bild: Daniel Knutz
Bild: Daniel Knutz

To read the English version, please click here

Daniel erzählt in seinem neusten Song von Dingen, die uns allen seltsam bekannt vorkommen mögen. ‘The Cave’ versetzt das lyrische Ich ins Dunkel einer Höhle: «I am sitting in the dark / Staring at nothing.» Der neue Song macht also unmittelbar klar, dass er in die Tiefe eines philosophischen Diskurses abtaucht. Auf niemanden Geringeres als Platon wird referenziert – das Höhlengleichnis erhält hier eine wunderbare musikalische Umsetzung.

Reingehört

Daniel schreibt in seinen Release Notes, ‘The Cave’ sei letzten Endes eine Geschichte der Befreiung. Die Dunkelheit lehrt den Erzähler Reflexion und Ausdauer, sodass die Schatten ihren Schrecken und damit auch ihre Macht verlören. Der Erzähler wählt denn die Einsamkeit auch bewusst, indem er in das Höhlenlabyrinth hinabsteigt.

Die Melodieführung wirkt im Kontrast zu den tiefen Lyrics fast schon hell, wenigstens wenn man die anderen Stücke des Künstlers zum Vergleich heranzieht. Besonders hervorzuheben sind Auftakt und Ausklang: Das Ambiente des Stücks wird betont und verleiht den nachfolgenden Versen noch mehr Glaubwürdigkeit.

Fünf Verse lang erzählt Daniel die Geschichte des Einsiedlers, der in der Einsamkeit zunächst die Spiegelungen seiner eigenen Erinnerungen sieht – ganz ähnlich, wie es in Platons Höhlengleichnis der Fall ist: Die Wahrnehmung der Vergangenheit ist eine trügerische, sie mag manch einem Menschen schlimmer oder eben schöner erscheinen, als sie es tatsächlich gewesen ist. In beiden Fällen aber findet man sich wieder in einem Käfig seiner Selbst.

In diesem Käfig lernt man sich selbst kennen, denn man ist auf sich selbst zurückgeworfen: Platon ebenso wie Daniel erläutern, wie verzerrte Wirklichkeiten der Vergangenheit ins Jetzt dringen und wie sich dadurch das Leiden stets wiederholt, ohne dass ein Ausweg sichtbar werden könnte. Die Allegorie könnte nicht bloss auf die eigene Psyche bezogen werden, sondern auch auf unsere Gesellschaft, die sich immer wieder in der Vergangenheit verheddert – und sie dadurch zu wiederholen droht.

Der Erzähler vermag sich erst durch die ‘delayed tears’ zu befreien – jeder Mensch kennt wohl das Gefühl, dass der Abbau aufgestauter Emotionen sehr Vieles bewirken kann. Zwei Verse später erklärt der Text, dass das Geräusch der Schläge mitschwinge (‘The noise oft he beats resonates so far.’) – im Bild der Höhle sind es die eigenen Herzschläge, doch könnte das Bild auch weitergedacht werden und die Musik als befreiendes Moment nennen.

Das Stück greift die Möglichkeit der Flucht auf, verweist aber sowohl in vorausdeutender Form (‘coming back to me’, ‘Spinning’, ‘Reflecting’) wie auch im Fazit (‘I can’t run from the dark.’) darauf, dass man seiner eigenen Dunkelheit nicht entfliehen kann. Wer aber einer Sache nicht ausweichen kann, muss durch sie Stärke gewinnen und lernen. Das ist eine mögliche Botschaft, die uns der starke Song des mittlerweile in Berlin lebenden Künstlers mitgibt.

Ein Selbstcover

Das Stück erschien in seiner ersten Fassung 2018 unter der ursprünglichen Band Daniels, The Knutz. In dieser Version scheint der Beginn dunkler, der Song punkiger. In seinem Schreien ist Daniel hier noch authentischer und aggressiver – die Rebellion, die sich in seinen Lyrics generell äussert, ist noch deutlicher. Die aktuelle Version wirkt schon fast ein wenig gebändigter, gezähmter. Das erinnert an einen Dialog aus Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Éxupéry: Der Fuchs erklärt dem kleinen Prinzen, dass Zähmen heisse, sich vertraut zu machen (Le Petit Prince, Kapitel 21). So könnte man denn auch schliessen, dass sich der Künstler mit dem eigenen Dunkel vertrauter gemacht hat und daraus nun die neue Version entstanden ist.

Hinab ins Dunkel

‘The Cave’ ist ein grossartiges Cover, das Daniel hier von sich selbst abliefert. Es ist eine Hommage an die erste Band – und gleichzeitig zeigt das Stück einen Entwicklungsprozess auf: Während im Original (auch sehr passend) die Vocals unreiner und kratziger, rebellischer, unbequemer klingen, sind sie in der Version, die am 9. Juli 2026 erscheint, gezähmter – eine Aussage, die sich sicherlich nicht auf den Künstler selbst anwenden liesse. Erkenntnis ja, Anpassung nein: Diesem Credo bleibt Daniel treu – und überzeugt damit sein Publikum erneut.

 

Weiterlesen

  • Ein ausführliches Interview führte die Schwarze Welle-Redaktion im März: Hier könnt ihr es nachlesen.
  • Hier geht es zur Bandcamp-Seite des Künstlers.

Geschrieben von: the.goth.teacher

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