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Die Ausgrenzung von Menschen, die schwarze Kleidung tragen, ihre Körper mit Piercings und Tätowierungen schmücken, ist vielleicht etwas weniger geworden. Dass man ihnen mit Skepsis gegenübertritt, ist oft geblieben. Die Band Unterschicht nennt sich aus ebendiesem Grund so – und um ihn zu widerlegen.
Noch mit politischer Perspektive und Kampfesmut gegenüber den Umständen versehen, schufen Dennis Kleist und Sven Hegewald 2010 die Band. Bereits Ende desselben Jahres erhielten sie einen Plattenvertrag, 2011 erschien mit «Dreckig und Laut» das erste Album. In den Jahren 2014 und 2015 erschien die Trilogie «Monster» – die drei Akte bilden einen «Kreislauf des Hasses». Sven erläutert die oft unverstandene Geschichte: «In den drei Alben geht es um einen Perspektivenwechsel, aber die Kontextualisierung erfolgte nicht: Der letzte Song ‘Ich bin dein Hass’ führt einen wieder zurück zum ‘Mann im Kopf’ zu Beginn des ersten Albums.» Alle Gegenbewegungen zu Hass bilden sich auf dem Fundament des Hasses, Verteidigung und Rache sind immer auch verbunden mit einer Form von Hass.
Ein Beispiel, das eben auch aufzeigt, dass dieser Kreislauf selbst vor der Schwarzen Szene nicht Halt macht, ist das Auftauchen der Cyber Electro Goths. Der Hass führte letztlich dazu, dass ein grosser Teil der neuen Gruppe wieder verschwand: Ausgrenzung und gar Gewalt wie das Abschneiden der bunten Dreadlocks führten dazu, dass geschah, was eigentlich nicht geschehen darf. Auch wenn mittlerweile die Situation ruhiger geworden ist, ein solcher Umgang gräbt sich tief in die Seelen der Betroffenen ein. Die «Monster»-Trilogie kritisiert genau das.

Tragischer wird es, betrachtet man die angefangene Geschichte rund um den Golem. Hier herrscht weniger der blanke Hass vor, sondern vielmehr die Zerrissenheit. Die Universität Bremen erläutert die Geschichte aus wissenschaftlicher Sicht: Der Golem ist ein Wesen der hebräischen Folklore, das künstlich geschaffen wurde und einem Menschen nicht unähnlich ist. Der Golem ist zunächst in den Erzählungen ohne Sprache, ohne eigenen Willen. Im Laufe der Geschichte, so erzählt nun auch diese zweite Trilogie von Unterschicht es, entwickelt der Golem ein Bewusstsein, der bisher letzte Hinweis im neusten Album ist hierbei der ‘Schrei des Lehms’: Aus der Sprachlosigkeit entwickelt sich Fassungslosigkeit.
In der Legende um den Golem wendet sich das Wesen schliesslich gegen den eigenen Erschaffer und hin zum eigenen Tod: Das dritte Golem-Album wird zeigen, wie sich das in unterschichtscher Variante anhört. Inspiriert wurde Sven von einem Artikel, in dem seine Mitstreiterin als Horrorbarbie bezeichnet wurde, und er als Cybergolem der Szene. Das Bild war für ihn so eindrucksvoll, dass er sich im Rahmen der «Golem»-Alben damit auseinandersetzte.

Horrorbarbies und Cybergolems finden sich also angeblich auf der Bühne. Sven Hegewald zeichnet sich verantwortlich für Musik und Lyrics, Sandra Güttel begleitet ihn an den Keys, Drums und ist für die weiblichen Vocals zuständig. Live ergänzt Denise Mehlig das Erlebnis an den Keys. Im Haus Leipzig ergänzte zudem Performerin und Model Patchjuli den Auftritt am Wave-Gotik-Treffen 2026, ebenso wie kurz darauf auch am Lucy-Fairs-Garden 2026.

Wer die Band live erlebt, wird rasch feststellen, dass das Erlebnis ein nachhaltiges ist. Der Künstler deklariert: «Spiele ich ein Konzert, so ist mein Anspruch an mich selbst, im Raum alle einzeln anzusprechen. Jede Person, die an mein Konzert kommt, möchte ich einzeln angeschaut haben im Verlauf des Konzertes.» Es ist daher auch nicht weiter erstaunlich, dass Sven der Musik auch einen therapeutischen Wert zuspricht. Das Schreiben von Musik stellt dabei eine Art Selbsttherapie dar, die in etwas Relevantes für die Gesellschaft umgewandelt wird. Das Konzert wird folgerichtig zur Gruppentherapie.
Die Bühnenshow hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt: «Die Welt verändert sich und die Ironie in unseren Stücken wurde teilweise von der Realität an Tragik überholt. Deswegen verzichten wir darauf, sie zu spielen.» Gemeint sind Stücke wie beispielsweise ‘Frau Holle’ oder ‘I kill you’. Ein Antrieb weiterzumachen sind für Sven immer wieder die Rückmeldungen der Fans, sowohl nach einer Show wie auch auf den verschiedenen Kanälen. So ist für viele Menschen die Musik von Unterschicht eine, in der sie Halt und Kraft gefunden haben in schwierigen Zeiten – und Anlass zum exzessiven Tanzen in vielleicht besseren Zeiten.
Sven sagt über die Kunst an sich, dass sie helfen kann, aber eben auch zerstören, unterstützen und gleichzeitig abhalten: Eine Gesellschaft sollte sich weiterentwickeln dürfen und die Kunst setzt dort ein, wo der Denkprozess sich weiterentwickelt. Die Kunst kenne dabei keine Grenzen der Unterstützung, aber auch der Zerstörung. Vielleicht weine man wegen einer Melodie, die man zuvor noch nie gehört habe, sei berührt. Hier sieht er auch den zentralen Unterschied zwischen KI-basierter Musik und echter Musik: Künstlich erzeugte Musik könne in ihrer Machart noch so perfekt sein, sie berühre die Menschen nicht.

Die Musik der Band verarbeitet Dunkelheit: Sie ist zwar etwas Gefährliches, doch gleichzeitig haftet ihr Mystik an und sie ist auch ein Ort, der Geborgenheit bietet, wenn man sie als Gesamtheit zu verstehen vermag. Die Dunkelheit steht dabei auch für alles, was man nicht ohne Weiteres greifen kann.
So kommt es vor, dass ein einzelner Song oder ein Album aus den Träumen einer Nacht entstehen, Inspiration findet Sven in allen Dingen. Das reicht von dem Verständnis der Gesellschaftsstrukturen, wie sie aktuell gelebt werden – von Mächtigen, die genau wissen, dass das Siechtum zuerst alle anderen erfassen wird – bis hin zu den Erinnerungen an das Dorf, in dem Sven aufwuchs: von Gewalt gegen jene, die eben anders sind.
Insgesamt lässt es sich nicht von der Hand weisen: «Wir sind in einem Tal der Scheisse angekommen, aber es wird noch schlimmer werden.» Auf die Resignation in diesen Worten angesprochen, entgegnete der Bandleader, dass man erst dann das Ende erreicht habe, wenn man die Hoffnung komplett aufgegeben habe. Er erläutert, dass die Menschen an der Macht erst begreifen müssten, dass alle Menschen am selben Strang ziehen und erkennen müssten, dass die Geschichte des Kapitalismus nun auserzählt sei – und neue Grundstrukturen entstehen müssten.
Das alles inspiriert ihn, weiterzumachen. Ein Stück entsteht zunächst aus der Musik heraus, die Texte entstehen zunächst vage, dann immer konkreter. Samples aus Serien oder Filmen initiieren oft diesen Prozess. Immer spannt sich ein Ariadnefaden durch dieses Labyrinth der Ideen – die wichtigsten Stränge werden zum Schluss geknüpft. «Auf diese Weise kann ich das Beste aus den Stücken herausholen.» Authentizität bildet für Sven dabei das Kredo.

Die Produktion, insbesondere die Post-Production, findet im Studio von Danse Macare Records statt – das Studio unterstützt auch ein aktuelles Projekt des Bandleaders, nämlich seinen Podcast «Zum Schwarzen Tisch», der wöchentlich erscheint. Podcast-Partner ist Max von Devil M. – unterhaltsam, manchmal bitterböse und häufig humorvoll. Reinhören lohnt sich auf jeden Fall.
2011: Dreckig und laut
2014: Monster Akt I: Kopfkino
2015: Monster Akt II: Wir sind, was wir sind
2018: Monster Akt III: Hassorgasmus
2020: Krank (Lass mich allein)
2025: Golem Akt 1: Die Erweckung
2026: Golem Akt 2: Krieg und Zerrissenheit

Reinhören in den Podcast: Zum Schwarzen Tisch
Mehr zu Unterschicht findet sich auf Bandcamp, Instagram oder bei Danse Macabre Studios.
Wer sich für die Fotografie von Patrick Burkhardt interessiert, findet ihn auf Instagram und Facebook.
Geschrieben von: the.goth.teacher
Cyber Goth Philosophie Unterschicht