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BANDVORSTELLUNG

Anleitung zum Weiterdenken: Samsas Traum

today16. Juni 2026 91 10 5

Hintergrund
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Alexander Kaschte (Foto: Thomas Bach)

»Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert!« Während der Tod des namensgebenden Protagonisten aus Kafkas Verwandlung mit diesen Worten festgestellt wird, gilt das für Samsas Traum noch lange nicht. Alexander Kaschte meldet sich nämlich zurück mit einem neuen Album – mit Vota Tenebris I erschafft der Künstler ein Werk, das sich aus den Wünschen seiner Fans speist. Im Interview erzählt Alexander Kaschte von seinem neuen Album, seinem Oeuvre insgesamt und seiner Liebe für die Komposition von Musik.

Auf Spurensuche durch die Zeiten

Wer das Werk von Samsas Traum über die Jahrzehnte hinweg verfolgt, erkennt unmittelbar, wie sehr sich die einzelnen Alben voneinander unterscheiden. In einem offenbart sich jedoch ihre Ähnlichkeit: Sie stellen allesamt Konzeptalben dar, deren Zusammenhang musikalischer oder inhaltlicher Natur ist. Tineoida oder: Die Folgen einer Nacht (2003) erhält den Untertitel «Eine Gothic-Oper in Blut-Moll», während beispielsweise Suspiria Intermezzo (2023) als Beinahe-Instrumentalalbum den Soundtrack zur gleichnamigen Graphic Novel (Insektenhaus-Verlag) liefert.

Der Comic-Verlag Insektenhaus, den Alexander Kaschte führte, zeigt sein Interesse für Visuelles. Obwohl er sich später aus dem Comicbereich fast zurückzog, zeigen sich im Artwork der Band nach wie vor die hohen Qualitätsansprüche an grafische Elemente. Zum Insektenhaus konstatiert Alexander Kaschte Folgendes: «Irgendwann hat man den Punkt erlebt, an dem man erkennt, was man am besten kann. Das Ziel soll fortan darin bestehen, eine Meisterschaft in ebendiesem zu entwickeln.» Konsequenterweise ist es die Musik, in der Alexander Kaschte Perfektion anstrebt.

Die Musik ist dementsprechend die grosse Liebe des Künstlers, das Komponieren widerspiegelt den glücksauslösenden Moment. Die Alben unterscheiden sich in ihrer musikalischen Ausgestaltung stark, so führt der Wandel die Hörer:innen vom symphonischen Wunderland über Black Metal Elemente hin zu Elementen aus dem Genre Hip-Hop. Diese Reise ist für viele anstrengend, denn man weiss nicht, was einen an der nächsten Station erwarten wird.

Die Vielfältigkeit der Genres und Stilen liegt in Alexander Kaschtes Interesse an Systemen begründet: «Neue Systeme zu erschliessen, löst in mir einen Jagdinstinkt aus, Komponieren schüttet Endorphine aus.» Komposition wird hier nicht als Handwerk begriffen, sondern als Erkenntnisprozess – als ein Vordringen in Ordnungen, die sich erst im Vollzug erschliessen. Dass diese Herangehensweise in eine Musik mündet, die sich gängigen Erwartungshaltungen entzieht, ist nur konsequent. In der Vergangenheit studierte der Künstler Musikwissenschaften und vertiefte dadurch den mathematischen Hintergrund – Theorie und Techniken zu Arrangements standen im Fokus seiner Studien.

Bereits Mitte der 90er Jahre schrieb Alexander Kaschte Songs, Vorbilder waren Goethes Erben und Lacrimosa. Manche der Songs erinnern aber auch an jenen Musikmacher, den Alexander Kaschte verehrt, nämlich an Ennio Morricone. Diese Bewunderung findet sich auch wieder in der Art und Weise, wie ein Album im Hause Samsa entsteht. Diese formale Vielfalt ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer künstlerischen Haltung, die sich auch biografisch nachzeichnen lässt.

Die Arbeit an den Alben

Alexander Kaschte betrachtet sich als Instrumentalmusiker, die Musik entsteht immer als Erstes. Mit Bedauern stellt der Künstler aber fest, dass Instrumentalmusik insbesondere in einer Szene, die Lyrics oft stärker im Zentrum sieht als die eigentliche Musik, nicht funktionieren kann: «Eigentlich bin ich daher absolut kein typischer Frontmann, ich sähe mich am liebsten hinten links am Keyboard.»

Oft verbindet also die Alben zwar ein Oberthema, doch die einzelnen Stücke stellen manchmal auch ein Mosaik disparater Fragmente dar, das lediglich durch die Musik zu einem grossen Ganzen führt. Die Kontexte reflektieren die Wege, die Alexander Kaschtes Gedanken während der Entstehung von Stücken und Alben passieren.

Da es sich um Konzeptalben handelt – hier wird Vota Tenebris I keine Ausnahme bilden – können zwar einzelne Stücke auch isoliert gehört werden, demgegenüber gibt es auch Songs, bei denen der Kontext immanent wichtig ist. Dies zeigt sich besonders deutlich an einem kontrovers rezipierten Beispiel: «Sauber» bildet das zweite Stück von Poesie: Friedrichs Geschichte (2015): Das Album erzählt von den Verbrechen der Tötungsanstalt Hadamar in Mittelhessen.

Verse von «Sauber» basieren auf originalen Dokumenten: «Es ist kein bequemes Album, es soll nicht unterhalten. Die hohe Anzahl an Plays kann ich mir nur erklären, dass jemand das Stück aus dem eigentlichen Zusammenhang gerissen hat: Die nationalsozialistischen Rufe sind wohl im Neonazi-Bereich positiv aufgenommen worden.» Dass das Album aber die Verbrechen der Nationalsozialisten thematisiert, insbesondere Kindereuthanasie, geht in einer isolierten Deutung verloren. Während das Album aus kommerzieller Sicht den notwendigen Erfolg nicht erreichte, blieb es doch aus literatur- und musikwissenschaftlicher Sicht interessant und war Gegenstand mehrerer Arbeiten.

Bei Poesie: Friedrichs Geschichte (2015) sind es inhaltliche Elemente, die den Zusammenhalt bilden, immer ist es aber interessant zu sehen, wie einzelne Stichworte die Verbindungen schaffen zwischen Titeln – aber auch Alben. Manchmal fühlt man sich beim Hören deshalb auch fast ein wenig wie ein:e Detektiv:in. Quentin Tarantino macht es in cineastischer Variante vor, aber bei Samsas Traum trifft man auf die musikalische Version der Intermedialität.

Querverweise sind nichts Neues, in der Videospielindustrie spricht man von Easter Eggs. Während der Künstler keine politischen Anspielungen tätigt, weil er seinen Hörer:innen nichts vorschreiben will, finden sich Verweise auf weitere musikalische Werke, auf literarische oder religiöse Texte – wie beispielsweise Lilith und Samael – sowie eben mit dem Poesie-Album auch konkrete historische Kontexte. Darüber hinaus ehren die Stücke oft auch andere Musiker:innen und deren Oeuvre.

Jedes Album beschäftigt sich mit unterschiedlichsten Genres, Themen und Kontexten. Vota Tenebris I versteht sich dabei bereits ganz grundsätzlich als ein Zurückblicken, denn es basiert auf den Wünschen von Fans der Band – und diese werden sich freuen über die Anlehnung der neuen Stücke an Lieblingssongs aus vergangenen Alben.

Juliane Köbe (Foto: Thomas Bach)

Kunst, Szene und Rebellion

Verfolgt man die Geschichte von Samsas Traum, so stellt man nebst den Kontroversen  eben rasch auch fest, dass hier jemand arbeitet, der die Kunst über alles liebt und der eine klare Linie jenseits aller Kompromissbereitschaft verfolgt. An der heutigen Gesellschaft, namentlich aber im deutschsprachigen Raum, kritisiert der Künstler, dass die Menschen es sich zu gemütlich in ihrem Wohlstand eingerichtet haben.

Ebenso wie die Satirelandschaft die Schärfe eines Christoph Schlingensief längst nicht mehr erreicht, so hat auch die Musik ihre Rebellion hinter sich gelassen: «Musik kann heute nichts mehr bewirken.» Diese Ansicht speist sich aus der Tatsache, dass sich die Menschen für ein unangenehmes, anstrengendes Album die Zeit nicht mehr nehmen – und dass wenige noch bereit sind, sich an die Wurzeln der Schwarzen Szene zu erinnern und auf die Strasse zu gehen. Alexander Kaschte ergänzt, dass wir einfach zu bequem geworden seien. Mit Bedauern stellt er fest, dass an dieser Tatsache auch die Musik nichts ändern könne.

«Dass die Menschen sich einfach so auf dem Silbertablett herschenken und stillhalten, ist für mich unverständlich.» Alexander Kaschte postet in den Sozialen Medien immer wieder Hinweise auf Werke, die daran mahnen, das eigene Denken zu bewahren: Er wünscht sich mehr Offenheit und die Neugier, sich eben auch Unbehagliches und Ambivalentes meistern zu können. Dass wir dabei die grossen Dystopien längst übertroffen haben, macht dem Musiker keinen Mut.

Seinen Fans wenigstens versucht Alexander Kaschte die Bereitschaft zur Rebellion zu lehren. In seinem Telegram-Kanal oder auf textfreundlicheren Medien wie Facebook erläutert er denn auch Themen wie Literatur (aktuell: Dystopien wie Brave New World) oder liefert Aktualitäten rund um die Käferwelten.

Auch wenn Musik für Viele Entspannung und Unterhaltung bedeutet, so appelliert der Musiker auch an die unbequeme Arbeit, die ein jeder angehen sollte: «Machen Sie sich die Welt nicht einfacher, als sie es ist. Unsere Welt ist komplex, es gibt mehr Problematiken und Ebenen und alle sollten lernen, damit umzugehen.» Dabei stellt er fest, dass selbst die Musik der Subkultur konsumierbarer gemacht wurde, dass eine Banalisierung erfolgte. «Wir sollten als Menschen jenseits von Kategorisierungen stehen.»

Auch wenn er selbst die Sozialen Netzwerke nutzt, um seine Musik zu promoten, sieht er sie kritisch: «Die Menschheit war so klug, in den KI-Sektor einzudringen, aber alles dient einfach nur noch dazu, die eigene Hybris zu potenzieren, die Sozialen Netzwerke werden missbraucht zur reinen Selfie-Orgie.» Frappant sei hier vor allem auch die Tatsache, dass im realen Raum Gleichberechtigung, die Aufhebung von Geschlechterrollen gefordert werde, im Virtuellen aber purer Sexismus herrsche – Byung-Chul Han spräche von einer Müdigkeitsgesellschaft. Die düstere Diagnose der Gegenwart mündet konsequent in Alexander Kaschtes neues Werk.

Ein Schwur der Dunkelheit

Insgesamt 53’52’’ Musik enthält das Album, das sich hinter dem lateinischen Titel Vota Tenebris I verbirgt. Elf Stücke sind es, bis zur Veröffentlichung des Albums werden davon sechs veröffentlicht worden sein. Einen Blick auf die Songliste dieses Werks können Hörer:innen nachfolgend werfen – kursive Titel wurden bis zum 12. Juni als Singles veröffentlicht:

 

  1. Heut wird er umgebracht
  2. Leitstern
  3. Scheiße ohne dich
  4. Der Ruf des Cthulhu (Ein Traum, der an Augen zerschellt)
  5. Schattenfalter
  6. Die Fratze meiner Einsamkeit
  7. Der Riss in deiner Stimme
  8. Bring mir Licht
  9. Plutonium (1.21 Gigawatt)
  10. Für die Liebe
  11. Einst war ich ein Schrei

 

Was diese Veröffentlichung besonders macht, ist, dass sie auf den Wünschen der Fangemeinde beruht. Alexander Kaschte erschafft hier etwas, das sich eben direkt an jene wendet, welche die verschiedenen Alben und Stücke liebten. Doch wer jetzt annimmt, dass es sich um Neugestaltungen alter Songs handle – oder um Imitation des bereits Vorhandenen, der täuscht sich. Die Stücke sind inspiriert von ebendiesen vorherigen Alben, aber diese Ansätze denkt Alexander Kaschte neu.

Das Album beginnt mit einem Duett, in dem einem Seemann vorgeworfen wird, verblendet zu sein: Es stellt die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der sein eigentliches Sein verloren hat und einer Vergangenheit nachtrauert, die es nicht mehr gibt. Die Konklusion: «Kein Hafen kann die Seelen retten.»

Die Bindung zu anderen nehmen die nächsten beiden Stücke auf, wobei «Leitstern» eine Ode ist an die eigene Tochter. Während dieses Stück von einer grossen Ernsthaftigkeit geprägt ist, klingt das dritte Stück schon fast ein wenig nach Farin Urlaubscher Selbstironie: Aber eben, die Welt wäre auch ohne die Musik des Marburgers etwas schlechter.

In eine Lovecraftsche Düsternis entführt die Hörer:innen «Der Ruf des Cthulu». Das Stück ist eine wundervolle Hommage an den Mythos, der auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1928 basiert. Es ist nicht die einzige intermediale Referenz des Albums oder des gesamten Oeuvres – es liessen sich problemlos ganze Arbeiten der Spurensuche nach Anspielungen, Persiflagen oder eben Hommagen widmen.

Eine weitere Spiegelung enthalten die bisher nicht veröffentlichten Stücke «Schattenfalter» und «Bring mir Licht» – sie beide erinnern wenigstens in Teilen textlich an «Der Fährmann – Nur ein einziger Gefallen noch» (in: Tineoida: 2003) erinnern: «Und selbst in Träumen, die mich tragen, zieht es mich nach unten.» Insbesondere das achte Stück des Albums bergen eine immense Fallhöhe – es dürfte eines jener Stücke sein, die auf grosse Gegenliebe bei denen stossen, die bereits A.ura und das Schnecken.Haus (2004) mochten.

Besonders erwähnenswert ist auch, dass Alexander Kaschte für dieses Album mit Scott Atkins (Cradle of Filth) zusammenarbeitete und das Mastering in jenen Studios stattfand, wo auch schon Legenden wie Pink Floyd und die Beatles aufnahmen, nämlich in den Abbey Road Studios in London. Das Album vereint alle Trademarks, die Menschen an Samsas Traum mögen.

Das Album Vota Tenebris I darf also mit Spannung erwartet werden – der Zusatz der römischen Eins darf Fans zudem hoffen lassen, dass es einen zweiten Teil geben wird. Das Album sollte auf jeden Fall auch schon nur wegen des Artworks physisch erworben werden – denn ist es nicht auch dieser Aspekt, der ein Samsas Traum – Album ausmacht?

Weiterführendes

Kafka wäre beeindruckt von den Alptraumwelten, welche die Band erschaffen hat – und spräche wohl seine Zustimmung aus, wenn er sich mit den folgenden Versen auseinandersetzte: «So hör’ mich, auch wenn ich schweige./Die Welt vergass ihr Leuchten, die Schönheit ihres Lichts.» («Schattenfalter». In: Vota Tenebris I: 2026). Dass unsere Welt und wir mit ihr wohl längst die Schönheit der Natur, der Kunst und der Gemeinschaft vergessen haben, ändert nichts daran, dass noch immer Einhörner existieren – und sei es bloss in den Träumen der Kinder.

Live (Foto: Jens Meyer)

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Das neue Album Vota Tenebris I erscheint am 26. Juni 2026.

Titelbild: Das Foto stammt von Thomas Bach.

 

Geschrieben von: the.goth.teacher

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