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Nachdem die Band SOKO+++Friedhof bereits ordentlich eingeheizt hatte, gipfelte der Abend mit Grausame Töchter in einen Exzess, der einen am Ende erschöpft zurückliess – wenn der Dopaminspiegel dann allmählich abflachte. Es seien jene Konzertgänger:innen nicht gerade zu beneiden, die im Anschluss das Konzert von Alles Schwarz feat. Oswald Henke besuchten.
Einen kunstvollen Auftakt bildete die Band mit dem poetischen Namen, The Palace of Tears. L.V. Darkling und Erick r Scheid überzeugten mit einer mystischen Atmosphäre. Etwas schade war, dass das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Höchstform aufgelaufen war – dementsprechend verhalten wirkte der Applaus noch.

Das besserte sich bei Myrna Loy deutlich. Die Band hatte sich 1994 inoffiziell aufgelöst, deshalb stellte der Auftritt im Felsenkeller auch eine exklusive Reunion-Show dar. Passend zur Ausgabe des WGT fand dieser Auftritt auch 33 Jahre nach der letzten Veröffentlichung eines Albums (Immerschön, 1993) statt. Es war definitiv ein stimmiger Auftritt.

Besonders überzeugend war auch das Konzert von SOKO+++Friedhof, die ihr viertes WGT bestritten. Der schräge Auftritt fand beim Publikum Anklang und auch ein neues Stück wurde gut aufgenommen. Insgesamt war etwas schade, dass der Auftritt doch eher statisch und von wenig Interaktion geprägt war – was man vom anschliessenden Auftritt nicht behaupten konnte. Die Band überzeugte aber insgesamt durch eine repräsentative Auswahl der Songs und ihren Kultstatus.

Das Konzert der Elektroband Grausame Töchter als furios zu bezeichnen, greift zu kurz. Der Felsenkeller war berstend voll, ein Einlassstopp erfolgte. Rund 2000 Besucher:innen feierten den Auftritt von Aranea Peel und «ihren» Töchtern. Mit Nataly Nichil, Nana Nocturnal, Mila Nitzel und Saph Fyre waren auch Ostara M. und Elisabeth Brenner in die Performance eingebunden. Die Künstlerin selbst schreibt über den Auftritt: «Irgendwann verschwimmt sowas zwischen Konzert, Ritual und kollektivem Delirium.»

Wahre Worte sind es, denn das Konzert zog auch jene in Bann, die ansonsten die Welt der Grausamen Töchter nicht gekannt hatten. Während einige Songs des neusten Albums gespielt wurden, gab es auch Klassiker wie einige Ausschnitte der Annika-Reihe, «Glaube, Liebe, Hoffnung». Für Kenner:innen der Band stellte aber auf jeden Fall die Live-Premiere von «Psychologie» ein Highlight dar. Mit eindrücklichen Bildern zeigte die Band hier auf, was falsche Behandlungsmethoden anrichten können – man merkt, dass das Mastermind hinter der Band einen Abschluss in Psychologie hat.


Grosse Resonanz rief aber auch die Aufführung des Stückes «Norden Süden Osten Westen» hervor. Ein Besucher äusserte sich folgendermassen: «Bei dem Stück bekam ich tatsächlich eine Gänsehaut, ich habe selten etwas so Eindrückliches auf der Bühne erlebt.»

Der Sonntag brachte bereits hohe Temperaturen und vollkommen un-gruftigen Sonnenschein. Das tat aber der Stimmung keinerlei Abbruch und ungefähr ab Mittag sah man die WGT-Besucher:innen zu den Veranstaltungsstätten gehen. Am Abend stand für viele ein Besuch in der Agra an mit London After Midnight und Lacrimosa, aber auch das Stadtbad erfreute sich grosser Beliebtheit.

Ab 14 Uhr nahm rund um das Grassi-Museum ein weiteres Ereignis seinen Lauf, nämlich die alljährliche Weinverkostung, organisiert durch Oswald Henke (Goethes Erben) und Thomas Rainer (L’Âme Immortelle, Nachtmahr). Die diesjährige Ausgabe stellte ein Jubiläum dar, seit zehn Jahren besteht dieses Treffen. Weinliebhaber:innen aus aller Welt teilen Lieblingsweine und Neuentdeckungen. Auch optisch war in diesem Jahr der Orange Wein besonders beliebt – so trugen einige der Besucher:innen orange Sonnenbrillen in Herzform, teilweise sogar mit passender Federboa.



Das Treffen rund um den Wein veranlasste einige der Anwesenden zu Fachvorträgen, wieder andere erfreuten sich an der Gemeinschaft und manch einer neuen Bekanntschaft – es wäre nicht das erste Mal, das sich aus einem solchen Treffen eine langjährige Freundschaft entwickelte. Ein Gruppenfoto stand selbstverständlich auf dem Programm, auch wenn sich dies bei der schieren Menge an Besucher:innen als eher schwierig darstellte. Im Nachgang stellte sich denn auch heraus, dass es sich um einen neuen Rekord handelte. Erst am frühen Abend verliessen dann die letzten Weinliebhaber:innen den Innenhof des Grassi-Museums – hatte man denn dort auch ein oder zwei schattigere Plätzchen gefunden.

Das Stadtbad ist eine Location, die zu einer besonderen Atmosphäre einlädt: Mit edlen Stoffen geschmückte Wände, insgesamt eher an eine Oper erinnernd, passen Bands wie Noromakina oder Qual hervorragend: Ihr Sound kommt gut zur Geltung und füllt den Konzertsaal, im Foyer lässt sich ein Gespräch gut führen und draussen verlocken Tische dazu, das nächste Konzert über einer Diskussion zu verpassen.

In der agra fand kurz vor Mitternacht dann das wohl von vielen ersehnte Konzert der Schweizer Band Lacrimosa statt. Der Gründer Tilo Wolff vermeldete zum Auftritt am Wave-Gotik-Treffen im Vorfeld auf der Bandhomepage den Hinweis, dass die schwer erkrankte Anne Nurmi ihre Krankheit besiegt habe und mit auf der Bühne stehen könne. Die Fans berührte dies besonders und es war ein stimmungs- und kraftvolles Konzert, das sie erleben durften.



Wie auch Radio Schwarze Welle gibt es zahlreiche andere Formate, die sich für die Schwarze Gemeinschaft einsetzen. Ein hervorragendes Beispiel ist das Treffen der Schwarzgesagt-Community am Montagmittag beim Otto-Koch-Denkmal in der Lennéanlage gleich neben der Moritzbastei. Der Podcast erscheint jede zweite Woche, Gatto Nero und Steve von Schwarzgesagt greifen in ihrem Format Themen auf, welche die Schwarze Szene bewegen. Themen von Weltschmerz über gruftige Urlaubsziele hin zu Diversität in der Subkultur: Aktuelle und oft sehr berührende Themenbereiche werden während einer bis zweieinhalb Stunden aufgegriffen.

Zu Gast bei den beiden waren auch schon Gäste wie die Fledermaushilfe Hamburg, das Nyctophilia-Team, Musiker Chris Pohl / Marty Zänkert oder die Autorin Andrea Völkner. Der Podcast verbindet die Menschen, nicht nur hinter dem Mikrofon, sondern eben auch jeweils am Montag nahe der Moritzbastei. Die Folge «33. Wave-Gotik-Blues» erschien am 5. Juni 2026.


Trotz der grossen Hitze strömten zahlreiche Menschen in den Park und es war schön zu sehen, wie sich Menschen trafen, die sich zuvor teilweise nur digital ausgetauscht hatten. Wie schon am Tag zuvor im Grassi-Museum gab es auch hier ein Bild der Community – auch hier war es schon fast schwierig, alle Anwesenden auf ein Bild zu bekommen.

Das grosse Finale sollte in der agra stattfinden: Eine der letzten Shows nebst The Other im Täubchenthal oder Rosengarten im Parkschloß war die aus dem belarussischen Minsk stammende Band Molchat Doma. Ein letztes Mal füllte sich hier die grosse Halle, ein letztes Mal feierten die zahlreichen Besucher:innen dieses Festival und gaben sich den Klängen hin. Molchat Doma überzeugten denn auch mit ihrer Energie, die sich auf die wohl eigentlich schon allmählich erschöpften WGT-Gänger:innen übertrug.

Die Show war auf jeden Fall eines der Highlights, denn als schliesslich die Halle hell wurde – es war ja das allerletzte Konzert des diesjährigen Reigens illustrer Bands – leerte sich die Halle nur zögerlich.

Zurück blieb: Kaum Abfall, das muss an dieser Stelle auch einfach erwähnt werden, denn der Betonboden schien beinahe unberührt. Einzig die Anzahl Getränkeflaschen draussen beim Einlass auf das Messegelände war beachtlich, doch waren dies nicht achtlos weggeworfene Gegenstände, sondern durch die Security konfiszierte Ware.

Seinen Abschluss fand das 33. Wave-Gotik-Treffen in all den verschiedenen Klubs der Stadt – von Agra Café über Darkflower hin zur Moritzbastei. Vermutlich ging es den meisten Menschen ähnlich, eigentlich sollte die Nacht ihr Ende nie finden: Nach Hause, in die Unterkunft gehen hiesse auch, dieses WGT zu beschliessen und zurückzukehren in eine Realität, die sich für manch einen Menschen wohl etwas kälter anfühlte nach diesem Pfingstwochenende.
Reiseführer
Nachfolgend finden sich einige Informationen, die für Festivalneulinge 2027 nützlich sein könnten.
Der öffentliche Verkehr ist mit dem WGT-Bändchen kostenfrei nutzbar in der Zone 110 (Stadt Leipzig). Die Nutzung mit dem Bändchen ist ab Freitag bis Dienstagmittag frei. Kostenfreier Zugang gewährt das Festivalbändchen aber auch zu einer Vielzahl an Museen, im Zweifelsfall auf der jeweiligen Homepage prüfen.
Ohne Bändchen zugänglich sind Veranstaltungen wie das Viktorianische Frühstück oder auch der Leichenwagencorso. Wer sich davor scheut, von irgendwelchen und vor allem szenefremden Menschen angestarrt und ohne Rückfrage fotografiert zu werden, der tut vermutlich gut daran, sich keine besonders exponierten Stellen zu suchen. Denn die Tatsache, dass beispielsweise am Viktorianischen Picknick viele Menschen aus der Szene, die auch in ihrer Ästhetik sehr divers ist und nicht nur repräsentiert wird durch aufwändige Barockkleidung, eine Modeveranstaltung machen wollen, führt dazu, dass sich doch die ein oder andere Person ein wenig wie im Streichelzoo gefühlt haben mag.
Die WGT-App wurde in diesem Jahr grossartig weiterentwickelt, es sind zahlreiche neue Funktionen zu finden, darunter auch die Vernetzung mit Freund:innen. Auch wenn einige Funktionen zwar ausgeklügelt sind, wie beispielsweise die Benachrichtigung, wenn jemand auch an einer bestimmten Location eingetroffen ist, so führt dies dann vielleicht auch zu überflüssigen Meldungen, sollte man sich dummerweise eine Unterkunft in der Nähe einer Veranstaltungsstätte gesucht haben (so getestet von der Redaktion). Insgesamt aber handelt es sich bei der Applikation um eine ungemein nützliche Assistenz, die den Papierplan ergänzen oder ersetzen kann.
Reisezeiten sollten unbedingt im Vorfeld ungefähr geprüft werden. Während viele Personen bereits bei der Planung darauf achten, pro Tag nur eine Location zu besuchen, um Reisezeit und allfällige Einlassstopps zu umgehen (letztere werden übrigens auch in der App angezeigt!), reisen wiederum andere den Lieblingsbands oder -veranstaltungen nach. Das kann gut und gerne eine Stunde dauern, gerade wenn die Strassenbahn einem vor der Nase wegfährt.
Es lohnt sich deshalb auch, das Netz der Leipziger Verkehrsbetriebe grob im Kopf zu haben – wenigstens für die Linie zur agra kann man hierfür auf dem Hinweg schon einmal «Gruftibahn 11» in Dauerschleife hören – unbedingt aber die neuere Version verwenden, denn die Haltestellennamen haben sich verändert in den letzten Jahren.
Ein weiterer Punkt der Vorbereitung sind gesundheitliche Aspekte. Dass die Füsse spätestens nach dem zweiten vollen Tag mit Konzerten schmerzen, dürfte jedem klar sein. Dass hier selbst Plateauschuhe und dicke Sohlen nur bedingt helfen, ebenfalls. Ein Trick unserer Redaktion sei hier verraten: Blackrolls oder ganz einfach einen Tennisball einpacken und abends (oder morgens, abhängig von Perspektive und Rückkehrzeitpunkt in die Unterkunft) damit die Füsse massieren – auch dem Rücken kann dies eingeklemmt an einer Wand dienlich sein. Ansonsten helfen Blasenpflaster weiter. Und Tanzen: Das hilft immer, dem Körper und der Seele.
Wir haben Leser:innen von Schwarze Welle gefragt, welches ihre Highlights des 33. Wave-Gotik-Treffens waren und welche besonderen Momente sie erlebten. Sie erzählten von besonders erinnerungswürdigen Konzerten, Partys und Lesungen über die Begegnungen bis hin zu Komplimenten an die Schwarze Szene zahlreiche Eindrücke. Insbesondere die Gemeinschaft und die Treffen standen im Vordergrund vieler Geschichten. Dabei wurde immer wieder klar, wie sehr die Besucher:innen des Festivals schätzten, Künstler:innen einfach so auch zu treffen oder gar mit ihnen gemeinsam Konzerte zu besuchen.
Einige der Momente können nachfolgend gelesen werden.
Es war mein viertes Mal auf dem WGT. Ich wurde erst vergangenen Dienstag aus der Klinik entlassen und hatte mich schon davor die ganze Zeit darauf gefreut, endlich wieder meine Lieblingsmenschen aus anderen Städten zu sehen.
Diese vier Tage war ich psychisch auf seltsame Weise komplett geheilt. Ich hatte gar nichts im Kopf, außer glücklich zu sein, mit Freunden Zeit zu verbringen und Bands anzuschauen. Das WGT hat mich dieses Jahr wirklich gerettet: Es ist mein Grund, die Zeit bis zum kommenden Jahr zu überstehen, auch in schwierigen Zeiten.
Mein absolutes Highlight war London After Midnight. Ich fand es richtig stark, daß sie ihre politische Meinung so offen geäußert haben. Da ich selber aus dem Kriegsgebiet komme und weiß, wie Unterdrückung sich anfühlt, macht es mich glücklich, wenn andere uns ihre Stimme leihen. Das war definitiv mein Lieblingsmoment vom WGT.

Ein Höhepunkt war mein Auftritt mit Unterschicht – und dass ich am selben Tag den Menschen hinter einer meiner Lieblingsbands, Freakangel , begegnen durfte.
Am WGT liebe ich vor allem das Wiederfinden: Gesichter aus vergangenen Jahren, flüchtige Bekanntschaften, vertraute Namen aus der digitalen Ferne, die plötzlich zu realen Gesichtern werden. Am Sonntag verbrachte ich den ganzen Tag auf einer Picknickdecke, im Gespräch mit Freundinnen, Freunden, Bekannten, Veranstaltern – ein vibrierendes Netz aus tollen Begegnungen.
Und besonders berührt hat mich, dass Freunde zu meinem Konzert kamen, nicht nur wegen der Musik, sondern um mich zu sehen. Diese Geste berührte mich sehr.
Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig war auch in diesem Jahr wieder ein absolutes Jahreshighlight für meine Partnerin und mich. Für ein paar Tage sind wir komplett in eine Welt aus Samt, Schatten und unvergesslichen Momenten eingetaucht.
Gemeinsam haben wir unglaublich viele schöne Konzerte erlebt, aber einige Auftritte haben sich ganz besonders in unsere Herzen eingebrannt. Zu meinen persönlichen Highlights gehörten in diesem Jahr:
Es war wieder einmal ein wunderschönes WGT für uns beide – voller intensiver Begegnungen, Gänsehaut-Momente und Erinnerungen, die für immer bleiben werden. Die Stadt Leipzig hat uns einmal mehr verzaubert. Wir zehren jetzt schon von der Energie dieser Tage und freuen uns bereits riesig auf das WGT 2027!
Until next year… stay dark, stay beautiful!
Ich erlebte die ersten Stunden unserer dunklen Musik und Kultur, aber die großen Veranstaltungen waren mir immer abhold. November 24 änderte sich dies: Mit dem Cold Hearted erwärmte sich mein Herz für Festivals – und so besuchte ich 2026 nun mein erstes WGT, als Babybat sozusagen.
So viele großartige Konzerte gab es zu erleben, Noromakina, Qual, Anja Huwe und Oliver Decrow begeisterten mich. Aber mein Leitstern war natürlich Kompromat, oh ja, Kompromat. Sah sie bereits dreimal zuvor (Esch sur Alzette, Den Haag und München). Und im kleinen Club Rote Sonne ergab es sich, dass Frontfrau Rebeka mich innig in die Arme nahm und für eine ganze Weile an ihr Herz drückte…der schönste und innigste Moment meines Konzerterlebens. Fürs WGT erträumte, wünschte ich mir, dass sich das noch einmal wiederholen möge…und kurz gefasst: Dieser Wunschtraum, auf den ich hinfieberte, erfüllte sich, als mich Rebeka bei ihrem Auftritt mit Kompromat in der Agra einmal mehr umarmte, was für ein Gefühl, selig, over the moon…und so überaus happy, dass meine Konzertfreundin Luzie diesen Moment auf Video festhielt. Eines der schönsten Geschenke meines Lebens!
Was mich das Wave Gotik jedoch so stark, intensiv und geradezu euphorisierend erleben lässt, ist diese unfassbare Dichte an wundervollen und liebenswerten Menschen. Einige lernst du kennen, manche werden Freunde. Mein Highlight sind dabei die Handvoll Gespräche, die sich intensiver entwickelte, unter die Oberfläche tauchten und dich alles Drumherum vergessen ließen. Am Montagabend in der MB umspülte mich das Gefühl einer Glückseligkeit so intensiv, dass ich dachte, dass das doch alles gar nicht wahr sein kann, dass ich irgendwo im Koma liege und mein Bewusstsein sich eine fantastische Traumwelt schafft, in der wir uns alle wie in einem schwarzen Paradies an uns selbst berauschen. Und immer noch in diesem Rausch sehnt sich mein Herz zurück an diesen Ort, zu diesem Ereignis, zu diesen tollen Menschen. Vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr?
Auch mein zweites Wave-Gotik-Treffen dieses Jahr war wieder voller schöner Momente. Schon letztes Jahr erlebte ich auf dem WGT ein großes Familiengefühl und den befreienden Gedanken, endlich meine Menschen gefunden zu haben.
Dieses Jahr habe ich noch mehr als letztes viel Zeit mit Freunden verbracht. Ich war zum ersten Mal auf dem Leipziger Südfriedhof und ansonsten waren das Viktorianische Picknick und der Auftritt von London After Midnight mein absolutes Highlight. Aber auch der Besuch im Felsenkeller, im DarkFlower und im heidnischen Dorf gehören für mich nun immer dazu.
Das WGT ist für mich von allen Festivals etwas ganz Besonderes. Zu sehen, wie eine ganze Stadt schwarz wird, man überall gleichgesinnte Menschen trifft und gesehen wird, anstatt komisch angeschaut. Ich finde es besonders schön, dass Menschen aus der Schwarzen Szene nicht nur die Musik eint, sondern auch dieser ganz persönliche Lebensstil. Für mich wird das WGT immer einen ganz besonderen Platz haben und ich bin sehr froh, Teil dieser Szene zu sein.
Ich drohte zu fallen. In ein WGT ohne Ziel, ohne Halt und ohne Selbstvertrauen. Im Herzen allein, in der Seele verletzt und so klein, wie ich mich in mir selbst nur zusammenrollen kann. So kam ich in die Stadt, so holte ich mir mein Bändchen, so stieg ich die erste Bahn und wieder aus, so schlich ich in die erste Location.
Jeder Blick in jede Richtung galt nur dem Feuer, dessen Hitze ich fürchtete und dem ich mich dennoch würde stellen müssen. Wenn nicht heute, dann morgen, übermorgen – es würde, es musste passieren. Überall loderten diese Flammen in der Menge auf, ließen mich aufschrecken, lösten Panik aus.
Dann eine Umarmung. Eine erste Umarmung in dieser schönen, schwarzen Stadt! Liebe Worte, wertschätzend, zugewandt, ehrlich interessiert und immer reflektierend. Wir wurden mehr, bald waren wir schon fünf und mit jeder Umarmung, jedem lieben Satz entstand ein safe space um mich.
Die Pyrophobie verließ mich nicht, aber ich konnte ihr begegnen. Konnte über sie sprechen, erklären … und fühlen. Endlich fühlen!
Menschen wurden zu Feuerlöschern, die nie außer Reichweite waren, mich manchmal umkreisten, wenn sie dachten, ich könnte Feuer fangen. Ich musste nicht bitten, nicht erst in Flammen stehen – diese Menschen spürten meine Angst und verstanden doch, warum ich an diesem Feuer sitzen musste. Sie waren immer da.
Auf mein „Warum?“ hörte ich „Weil Du es bist!“ und verstand es nicht. Sie kennen einen Teil von mir, ich selbst kenne sie nicht. Ich rede – sie hören zu. In dieser Community ist sonst das mein Anteil. Diesmal konnte ich zuhören, verstehen, lernen und eines geben: Meinen Dank.
Das WGT ist ein Treffen der Treffen. Eine Szene – hunderte, Tausende Communities. Niemand ist allein. Nicht in Leipzig, nicht zu Pfingsten, nicht zum WGT.
Ich umarme Dich, Community.
Das 33. Wave-Gotik-Treffen führte erneut viele Menschen nach Leipzig – zahlreiche hochkarätige, überraschende, aber auch altbekannte Bands traten auf. Musiker:innen, die vielleicht nicht immer ganz der Schwarzen Szene zugeordnet wurden, wie beispielsweise Kim Wilde, zogen dennoch unzählige Gäste in ihren Bann. Besonders sympathisch ist, wie sehr die Gemeinschaft eben zu einem mehr oder weniger harmonischen Ganzen findet und Unterschiede im täglichen Leben schwinden. Andrea Völkner (Autorin, Pfarrerin) drückte es im Rahmen des Schwarzgesagt-Treffens folgendermassen aus: «Vor dem Bass sind eben alle Menschen gleich.»
Auch die Organisation des aus administrativer Sicht äusserst komplexen Festivals lief weitgehend reibungslos ab, Zeiten wurden eingehalten und Zwischenfälle waren wenige zu vermelden. Interessant war, dass es wenige Tage nach dem Wave-Gotik-Treffen zu Ausschreitungen im Rahmen des Europapokal-Finales gab: Die Schwarze Szene ist eine, die es zwar verlernt haben mag, sich aktiv zu wehren und primär online aktivistisch ist, aber sie ist auch eine Szene, die friedfertig mit den Menschen umgeht – deshalb wird hoffentlich auch im kommenden Jahr die Stadt Leipzig und die Organisator:innen des Wave-Gotik-Treffens einladen zum 34. Treffen.
Wir haben einige Momente für euch festgehalten. Das Video könnt ihr hier schauen.
Geschrieben von: the.goth.teacher