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Welchen Weg auch immer man wählt, zum ersten Mal Leipziger Boden zu betreten an diesem Wochenende heisst auch, dem weissen Hasen ins Wunderland zu folgen. Während sich die Stadt allmählich schwarz färbt, fallen für die Besucher:innen doch einige der Schatten der Welt und man trifft auf jene, die man vielleicht ein Jahr lang nicht oder nur virtuell gesehen hatte.
Während der Tage und Nächte bis zum Montag wird die Stadt im Zeichen der Gothic-Kultur stehen und eine Vielzahl an Angeboten bieten. Lesungen sind jedes Jahr ein wichtiger Teil der kulturellen Eckdaten, dieses Jahr beispielsweise mit Christian von Aster und in gewohnt rabenschwarzer Manier Lisa Eckhart. Wer hier einen Platz ergattern will, muss dies früh tun – dasselbe gilt auch für jene Künstler:innen aus dem musikalischen Bereich, die man unbedingt sehen möchte.
Eine Friedhofsführung durch den Südfriedhof ist für viele Besucher:innen ebenso Pflicht wie der Besuch einer der vielen Orte der Begegnung, wie beispielsweise die Sitzgelegenheiten in und um die Moritzbastei. Das WGT lebt von dieser Vielfalt: Sie ermöglicht es, die unterschiedlichsten Menschen zu treffen und neu kennenzulernen.
Natürlich sind es immer auch die zufälligen Begegnungen in der Strassenbahn, in der Schlange oder an den unzähligen Bars, die dazu führen, dass oft langjährige Freundschaften beginnen. Die Gespräche während des WGTs zeigten eines deutlich: Auch wenn es die Musik ist, die das Publikum im Grunde vereint, so ist das Wave-Gotik-Treffen für die meisten viel mehr als Musik, es ist Gemeinschaft. Gelebtes Miteinander.
Wenn man nicht nur auf der Bühne hört, dass Musik Therapie sei, sondern eben auch in Gesprächen, so weiss man: Das Wunderland kann ganz heilsam sein, vor allem in jenen Momenten, in denen die Schwarze Szene sich zurückbesinnt auf Grundwerte wie Solidarität, Toleranz und Liebe. Und genau das war an diesem WGT wohl einer der Faktoren, der die Leute am meisten geprägt hatte: Die Gemeinschaft steht zusammen gegenüber einer Welt, die von einer starken Kakophonie geprägt ist.

Innerhalb des WGT-Universums existieren unzählige Orte, geheimere und solche, die seit vielen Jahren Teil des Grossereignisses sind. Zu letzterer Kategorie gehört das Heidnische Dorf. Es ist ein Mikrokosmos, der seine Besucher:innen entführt in eine Welt der Barden, Heldinnen und des Mets.
Besonderheiten wie die Jungfrauenversteigerung wirken aus der Zeit gefallen und begeistern doch ein grosses Publikum. Es fühlt sich fast ein wenig an, als wäre man mit der Hilfe des Animus’ eingetaucht in eine mittelalterliche Welt. Eine Erinnerung wert ist auf jeden Fall auch das Tee-Zelt, wo man sich dem Trubel des Wochenendes entziehen kann. Oder man flaniert durch die Stände, an denen sich auch Handgemachtes erwerben lässt. Und abends setzt man sich zu Freunden an die Feuer und vergisst für einen Moment der Magie lang die Welt ausserhalb.
Ein weiterer Moment, der ausserhalb des eigentlichen WGT-Kreises liegt, ist die Blaue Stunde. Sie bleibt noch weiter im Untergrund, erfreut sich aber grosser Beliebtheit bei den Eingeweihten.
Dieses Jahr bildete die Obsession Bizarre keinen Kreis der Eingeweihten, sondern der Dresscode schien für einmal gelockert, der Zugang auch möglich aus dem benachbarten Biergarten. Was drinnen geschieht, bleibt denen vorbehalten, die sich in die Kuppelhalle wagen. Das Programm nennt eine Shibari Show, Aerial Chains und eine Fashion Show ebenso wie eine Fire Burlesque Show. Wie in anderen Räumen ähnlicher Natur gilt auch hier: Wenn der Vorhang sich schliesst, senkt sich Verschwiegenheit über das Geschehene. Es sei lediglich erwähnt, dass die Resonanz in diesem Jahr eher positiv war, auch wenn die Einlasspolitik zu reden gab.
Bereits am Donnerstag mischte sich unter das Grau der Gesellschaft zaghaft das stolze Schwarz der Gothic-Szene. Verschiedene Veranstaltungsstätten luden zu Pre-Partys ein, darunter der Felsenkeller. Dort spielten zunächst Plastikstrom, dann waren illustre Gäste eingeladen wie Oberst Panizza oder Dina Summer.
Der Felsenkeller sollte ein Vorbote sein für die kommenden Tage: Bereits nach kurzer Zeit war die Luft im Innern der Veranstaltungsstätte stickig, feucht und demensprechend viele Personen fanden sich nach kurzem Aufenthalt draussen im Biergarten. Dort offenbarte sich schon ein zentraler Aspekt des ganzen Wave-Gotik-Treffens, nämlich der Bestandteil «Treffen»: An den Tischen blieben viele sitzen, bis die letzte Strassenbahn längst im Depot angekommen war.

Das Haus Leipzig eröffnete das WGT am Freitag mit einer überzeugenden Bandauswahl aus den Bereichen Aggrotech, Harsh EBM und Elektro. Der schlechte Ruf eilt der Veranstaltungsstätte in akustischer Hinsicht voraus, aber entweder wurde die Problematik mittlerweile angegangen oder aber Unterschicht und auch die anderen Bands an diesem Abend wie c-Lekktor, Freakangel oder Phosgore setzten sich mit Leichtigkeit darüber hinweg.


Unterschicht eröffneten diesen Abend mit grosser Kraft, die Show sprach jeden im Publikum an. Obwohl der Saal zu diesem Zeitpunkt noch nicht komplett gefüllt war – und es auch den ganzen Abend über nicht sein sollte – brachten Sven Hegewald , Denise Mehlig und Sandra Güttel gemeinsam mit der als Patchjuli bekannten Performerin das Publikum zum Tanzen – und vermittelten gleichzeitig zentrale Botschaften und Gedanken mit ihren Stücken.
Man merkte in den folgenden Performances der anderen Bands durchaus noch, dass die WGT-Besucher:innen sich akklimatisieren mussten, dass der Alltag für manch einen noch zu nah war. Dennoch bildeten die Bands dieses Abends einen gelungenen Auftakt und auch bei den Merch-Ständen wurde bereits ausgerollt, was Gedanke des WGTs ist: Freundschaften und Bekanntschaften finden, sich austauschen. Und vor allem: Künstler:innen und Besucher:innen begegneten einander mit viel Respekt, Freude und einer Nähe, die man in anderen Szenen vermutlich vergeblich sucht.

c-Lekktor rissen das Publikum bereits mehr mit und dadurch, dass die Veranstaltungsstätte nicht so voll war, wie dies bei anderen Orten an diesem Wochenende teilweise der Fall war, liess es sich auch hervorragend tanzen – und es war wohltuend zu sehen, wie sehr sich insbesondere die Cybergoths über eine gelungene Bandauswahl hin zu Freakangel und Phosgore freuten. Es wurde denn auch ein Abend, an dem intensiv auch schon während der Konzerte getanzt wurde, nicht erst an den After-Show-Partys.

Teil 2 erscheint am 8. Juni 2026
Geschrieben von: the.goth.teacher