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Wer zum ersten Mal vor dieser Bühne steht, sollte jede Erwartung fallen lassen. Einfach bleiben. Und sich hineinziehen lassen. Das eine Show mit hypnotischen Darstellungen zu nennen, erscheint banal, denn nichts weniger als ein magisches Theater betritt man als Zuschauer:in. Doch man wird zu viel mehr als einem blossen Zuschauenden, die Darbietung wird jeden Teil werden lassen von etwas ganz Besonderem. Doch man wird zu viel mehr als einem blossen Zuschauenden, man wird von der Magie der Show verschlungen. Und kommt so schnell nicht wieder heraus.
Die treibende Kraft hinter der Band ist Aranea Peel, die gemeinsam mit weiteren Töchtern ein Erlebnis schafft, das alle Sinne betört und verführt. Bereits beim reinen Hören der Stücke wird unweigerlich klar: Die Band bedient sich unzähliger Stilmittel, sowohl was die Texte anbelangt, aber auch in musikalischer Hinsicht. Die ersten beiden Stücke eines Albums zu hören, reicht bei Weitem nicht aus, um die Ausrichtung des Werks zu verstehen. Vielleicht ist es nicht einmal ausreichend, ein ganzes Album zu hören, vielleicht muss man sich zunächst auf die Spuren der Band begeben.
Wer das Kitty in Berlin als zweites Wohnzimmer bezeichnet, huldigt dem Hedonismus. Doch das wäre wenig weit gegriffen, fast schon ein bisschen kurzsichtig. Wenn «alles kaputt» gemacht wird – wie im Video zum gleichnamigen Song auch der Globus, so schwingt die zerstörerische Kraft der Menschheit ebenso mit wie die Kritik an selbiger. So rein hedonistischer Natur also sind die Aussagen und Darstellungen der Band nicht. Da überlagern sich zahlreiche Ebenen und Aspekte, verwoben zu einem Ganzen ergeben sie dann eine vollendete Mischung aus Tadel, Lebensfreude und einer gehörigen Portion de Sade. Die Band schreibt ja auch nicht umsonst auf ihrer Homepage, dass in der Tiefe «nur eine schmutzige Melange aus BDSM, Gewalt, Liebe und Philosophie» warte.
Seit 2009 existieren Grausame Töchter. Ihr Debütalbum Mein Eigentliches Element entführt die Hörer:innen nicht nur direkt in Fausts Studierzimmer, wenn Mephistopheles sagt, dass «alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element» sei, sondern eröffnet ein Spiel aus Philosophie und Rohheit, das in den kommenden Jahren seinesgleichen suchen wird. Das Debütalbum schlägt durch den Song «Mein Messer» auch den Bogen zum aktuellsten Album Get Your Overdose.
Bereits ein Jahr nach dem Auftakt erschien «Alles für Dich» mit dem wohl ikonischsten Song «Ich darf das!», aber auch dem Stück, zu dem sich sogar eine Tanzanleitung findet, nämlich «Wie eine Spinne»: Hier erfährt man als Hörer:in auch, welche Bedeutung der erste Teil des Namens hat, falls man dies vorher noch nicht gewusst hatte. Der Nachname leitet sich von der Protagonistin der Serie The Avengers (dt. Mit Schirm, Charme und Melone) ab.
Nach diesem erfolgreichen Beginn reihen sich Alben wie Glaube Liebe Hoffnung, Vagina Dentata und Zyklus in die Diskographie. Für Ästhetik und Auftritt relevant ist auch das 2023 erschienene Album BDSM for Satisfaction, es beinhaltet Stücke wie «Arroganz muss man sich leisten können», «Norden Süden Osten Westen» und auch das «Schlaflied». 2025 erschien das neuste Album, Get Your Overdose.

Das Album enthält insgesamt 22 Stücke, aber wer das Booklet aufmerksam durchschaut, wird einen weiteren Song entdecken. Das Cover zeigt die Künstlerin Aranea Peel, die einen Lolli im Mund hält und die Augen scheinbar ekstatisch verdreht, sodass nur noch das Weiss der Augen sichtbar ist. Die Überdosis ist scheinbar offensichtlich eine weisse Linie – aber wer schenkt dem Offensichtlichen denn schon Glauben hier? Zwei Pentagramme ergänzen das Bild, das in Türkis und in Grüntönen gehalten ist, die Ästhetik wird auch auf der Bühne fortgesetzt.
Den Auftakt des Albums bildet das Lied «Berlin Kok41n», das auch gleich den Albumtitel weiterführt mit der Auflösung, wovon man denn genau eine Überdosis nehmen soll. Ein Hinweis: Drogen sind es nicht. In gewohnt provokativer Manier beschäftigt sich das Album danach mit der Tatsache, dass wir Menschen uns keine Solidarität entgegenzubringen hätten und mit Sicherheit auf den eigenen Vorteil bedacht seien («Ratten»), dass manch eine in sich sowohl Sakrales wie auch Vulgäres trage («Göttin und Miststück»), aber es finden sich auch Stücke, die geradezu einladen zu einer Publikumsinteraktion («Hund») oder aber zu einer ambigen Show, die dann letzten Endes doch sehr eindeutig ist («Banana Split»).
Den wahren Höhepunkt des Albums setzt das finale Stück «Aus Liebe», das sich in seiner liebevollen Umsetzung als Duett herausragend als Hochzeitslied eignen könnte: Es handelt sich um ein Stück, das gesungen wird von Aranea Peel und Elisabeth Brenner (Vampyros Lesbos).
Selbstverständlich erfahren die Hörer:innen auch Neues vom Schicksal Annikas. Sie nämlich muss sich «für ein paar Jahre» aus der Gesellschaft verabschieden und eine Strafe absitzen. Darauf angesprochen, ob es irgendwann ein Konzert oder eine Tour nur zur Geschichte Annikas geben werde, verneint die Sängerin: «Annika soll sich mal nicht zu wichtig nehmen!» Aranea erläutert, dass Annika vor allem unserem Bedürfnis nach Sensationslust entspreche. Man darf also gespannt sein, was ihre Geschichte als Nächstes bereithalten wird.
Gleich viermal stehen Tiere im Zentrum eines Songs: Von Ratten über Hunde hin zu Katzen und Haien erfahren wir diesmal. Insgesamt, so hält Aranea Peel fest, eigneten sich Tiere gerade deshalb gut für ihre Stücke, weil sie sich auf einer metaphorischen Ebene so gut verwenden liessen. Die Deutung obliegt, wie auch in den anderen Stücken der Band, dem Publikum – und so ist es auch dem Einzelnen überlassen, ob er sich von der spitzen Feder treffen lässt oder die Kritik am eigenen Verhalten aufnimmt.

Wie vielseitig die Künstlerin hinter Grausame Töchter ist, zeigt sich in ihren Projekten: Ihre Kunst umfasst verschiedene musikalische Projekte ebenso wie eine Theaterpräsenz und weitere Bereiche, die sich in diese beiden Hauptrichtungen einweben – ein Netz, das kaleidoskopisch schillert und immer wieder fasziniert. Ab Oktober 2026 beispielsweise wird Aranea in der Rolle von Klaus Kinsky in Bremen auf der Bühne stehen, begleitet von Elsi Spring.
Araneas Weg der Kunst ist ein langer: «Seit meinem sechsten Lebensjahr stehe ich auf der Bühne – und das an sich prägt einen. Ich tanzte klassisches Ballett, und wer das einmal tat, der erinnert sich: Einmal vergass ich die Zehenschoner. Was das heisst: blutige Zehen. Die Qualen führen aber letztlich dazu, dass man lernt.» Die Künstlerin erläutert, dass sie durch die Ballettschule ein höheres Bewusstsein für den eigenen Körper entwickelt habe und ihre Grenzen besonders gut einschätzen könne.
Auch auf der aktuellen Tour führten Knieschmerzen dazu, dass die Show nicht immer denselben Rahmen erhielt, da manche der Elemente kaum machbar waren. Dennoch hält Aranea fest, dass die Absage eines Konzerts nur die Ultima Ratio sei für sie. Verlässlichkeit gegenüber ihren Fans sei für sie von zentraler Wichtigkeit: «Ich sage niemals ein Konzert leichtfertig ab.»
Die Künstlerin studierte Psychologie und arbeitete in diesem Rahmen ebenfalls im Bereich der Diagnostik. Während ihrer psychologischen Arbeit lernte Aranea auch die traurigsten Seiten des Menschseins kennen, wie beispielsweise den Verlust der eigenen Erinnerungsfähigkeit. In dieser Welt des Inneren fand Aranea, wie in allem, Inspiration. «Es wohnt mir inne, dass ich sofort ein Feeling habe für etwas. Es ist aber auch ein Fluch, so sensitiv zu sein.» Dass sie so aufmerksam ist für ihre Umgebung, bewirkt auch ihre grosse Nähe zu ihrem Publikum. Konzerte der Grausamen Töchter sind nie einfach identisch, sie entwickeln sich mit dem Publikum.
«Der Grund, weshalb wir weitermachen, ist die Energie, die sich bemerkbar macht, wenn gemeinsam mit dem Publikum etwas entsteht. Ein kleinerer, intimerer Rahmen ist dabei wesentlich spannender, die Leidenschaft kann sich bei kleineren Konzerten besser entfalten.» Aranea erläutert, dass sie das auch prägt, vor allem das Danach eines Konzerts. Es sind die Gefühle, die sich danach ihren Weg bahnen, sie sind wirklich relevant. Damit sind aber nicht bloss Gefühle im Rahmen eines Auftritts gemeint, sondern auch diejenigen, die beim Konsum eines Filmes, Stückes oder anderen Kunstformen entstehen.
Besonders spannend sei es, aus dem Gehörten, Gesehenen, Gefühlten etwas Kreatives zu machen. «Der Weg dahin ist spannend, und er endet nie.» Inspiration findet sie eben in allem: Auch ein brutalistisches Bauwerk erfüllt den Wunsch nach Ideen. «Der Brutalismus wirkt als Statement, ein Bauwerk ist plakativ und auffällig, ohne dabei gefällig sein zu wollen.» Für die Künstlerin schwingt im Brutalismus etwas mit, das man nicht greifen kann: Ein Makel, den man vielleicht gar nicht sehen oder wahrnehmen möchte. Und genau in diese Wunde greift Aranea Peel mit ihrer Kunst. Treffsicher, pointiert und mit der notwendigen Härte.
Ein Aspekt, der nicht nur im gleichnamigen Album von hoher Relevanz ist, stellt BDSM dar. Sie ist aber, so Aranea, niemals Selbstzweck. «Jede kinky Handlung auf der Bühne ist an etwas Grösseres gekoppelt.» So eigne sich BDSM eben gerade dafür, die Abgründe des Menschlichen aufzuzeigen – und Obsessionen. Dass die Show gelebte Obsession aufzeigt, weiss das Live-Publikum spätestens, wenn die Show beginnt und Nana Nocturnal die Bühne betritt.
Aranea betont, wie wichtig die Live-Show ist, gerade für das Verständnis der Stücke und der Band. Eine Frage, die sich wohl nicht nur Aranea dabei stellt: «Lebt man für den Moment oder für die Erinnerung an den Moment?» Sie erzählt davon, wie unterschiedlich das Publikum an den Konzerten sei. Es gebe jene, die sich dem Moment vollkommen hingäben und feierten, wieder andere seien schon fast reserviert und regten sich kaum. Als Künstlerin aber sei sie auf die Resonanz des Publikums angewiesen, die Emotionen, die sie hervorrufen könne, seien wertvoll.
Überhaupt seien es die Fans, die sie weitertrügen, auch wenn Widrigkeiten wie die Schliessung eines Klubs oder Krankheiten ihr Lasten aufbürdeten. «Die wirkliche Energie entsteht durch das Publikum, auch wenn die Struktur eines Konzertes wichtig ist. Besonders berühren mich Nachrichten von Menschen, die mir schreiben, wie dankbar sie für die Musik seien und dass sie sich dadurch hätten befreien können. Sie schreiben mir, dass die Musik ihnen Sicherheit und Stabilität gegeben habe.»
Wer die charismatische Künstlerin kennenlernen durfte, weiss, wie ernst ihr diese Aussage ist. Nach einem Konzert trifft man sie häufig beim Merch an, wo sie einen herzlich empfängt – gemeinsam mit anderen Bandmitgliedern wie Nataly Nichil, Nana Nocturnal, Elsi Spring, Mila Nitzel oder Saph Fyre, und natürlich meistens auch mit Elisabeth Brenner. Hier verdichtet sich alles: Musik, Menschlichkeit, Psychotherapie. Wer sich so weit hineinziehen lässt, wie es ein Konzert der Grausamen Töchter erlaubt, betreibt Eskapismus – und kehrt doch geläutert zurück. Und kommt wieder. Ins magische Theater.
Aktuell neigt sich der erste Teil der Get Your Overdose– Tour dem Ende zu, am 8. und 9. Mai 2026 finden in Innsbruck und Donaueschingen die letzten beiden Konzerte statt. Gleich zwei Wochen nach dem letzten Termin folgt der nächste Auftritt, diesmal im Felsenkeller in Leipzig, natürlich im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens. «Wir versuchen immer, den WGT-Konzerten einen besonderen Hauch zu verleihen.»
Wer das Dunkel im eigenen Innern nicht scheut, wen wenig aus der Fassung bringen kann, der sollte sich Karten für eines der nächsten Konzerte besorgen oder am Freitag vor Pfingsten den Felsenkeller aufsuchen. Und überhaupt ist es ja schon so, wie das Stück’ ’Zyklus’’ aus dem gleichnamigen Album uns sagt, «dass [nämlich] die Nacht uns so viel mehr anzieht als das Licht.» Wir sollten diesem Gedanken Folge leisten.
Die Nacht bleibt, ebenso ihre Tiefe: Aranea Peel bedient sich aller Register, um in die tiefsten Abgründe zu blicken und die Zuschauenden in eine Ekstase zu treiben. Grausame Töchter waren von Beginn an eine Band, die sich einer Einordnung widersetzte, die Themen ins Licht zerrt, die sonst nur wenige zu betasten wagen. Das Eintauchen in ihr Oeuvre bedeutet einen wilden Ritt durch ein grelles Kuriositätenkabinett zwischen Lust und Verstörung. Wer die Grenze überschreitet und sich ins Wunderland Aranea Peels wagt, kehrt am Ende nicht unberührt in die Realität zurück. Manche Bilder bleiben. Manche Bands auch.

Am 8. Mai 2026 in Innsbruck – am 9. Mai 2026 in Donaueschingen.
Danach tritt die Band am Wave-Gotik-Treffen auf (23. Mai 2026), zuvor gibt es in der Agra ein Meet&Greet mit Aranea Peel (22. Mai 2026, 15 Uhr)
Am 1. August 2026 wird die Band gemeinsam mit Vampyros Lesbos in Oberhausen auftreten.
Für die visuelle Kunst verantwortlich zeichnet sich Taste of Taboo.
Geschrieben von: the.goth.teacher
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