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BANDVORSTELLUNG

Mechanical Moth: Der Flug der Motte

today20. März 2026 10 3 5

Hintergrund
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Mechanical Moth: Der Flug der Motte

Die Familie der Pterophoridae kommt weltweit mit 1130 Arten in neunzig Gattungen vor, eine davon ist die Pterophorus pentadactyla, bekannter unter dem Namen des Federgeistchens. Es handelt sich dabei um eine nicht bloss in Deutschland verbreitete Mottenart und auch um das Wappentier der Band Mechanical Moth: eine Motte, die sich in der Dunkelheit zuhause fühlt und doch immer wieder zum Licht strebt.

Die Motte schlüpft

Manufaktur Nocturna

2002 entstand die Grundidee zur Band, 2004 schlüpfte die Motte und widersetzt sich seither dem Stillstand ebenso wie einer klaren stilistischen Zuordnung. Einflüsse unterschiedlichster Künstler:innen und Genres finden ihren Weg in die Kunst von Tandrin und Ivy, den beiden Menschen hinter Mechanical Moth. Über ihre künstlerische Vision sagen sie: «Wir greifen Impulse auf und verwandeln sie in etwas, das sich für uns zeitgemäss und eigen anfühlt. Wir kreieren neuartige und aktuelle Musik, saugen auf, was uns Ideen gibt.» Die Innovation in ihrer Musik liegt in der Neuzusammenstellung begründet, in der dialogischen Herangehensweise der Band.

Insgesamt zieht sich die Gegensätzlichkeit als Ariadne-Faden durch die Gedankenwelt von Mechanical Moth. Das äussert sich beispielsweise in den sich gegenseitig widersetzenden Vocals, aber auch in der Musik. Diese zeichnet sich auch aus durch stilistische Sprünge zwischen und innerhalb der Alben. Im Verlaufe der Jahre hat Mechanical Moth Veränderungen in der Ausrichtung erfahren, die teilweise sehr drastisch scheinen. Die Wechsel in der Stilistik fordern oft heraus, gehören für uns aber ganz wesentlich zur Bandidentität.

Im Wandel der Zeiten

Die beiden Künstler:innen formulieren es folgendermassen: «Wir erfinden uns immer wieder neu, die Stücke folgen progressiven Ideen. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir unsere Fans nicht immer alle gleich mitzuziehen vermögen, aber uns ist es wichtig, nicht stehenzubleiben.» Die Veränderung der Ausrichtung bildet daher eine der wenigen Konstanten in der Musik der Band.

Wir erfinden uns immer wieder neu. Uns ist bewusst, dass unsere stilistischen Sprünge unterschiedlich wahrgenommen werden – genau diese Offenheit ist aber Teil von Mechanical Moth. Ein wichtiges Merkmal der Band ist, dass sie immer offen ist für neue Ideen, auch für technische Neuerungen.

Dies ist ein Kernmerkmal ihrer Band-Mentalität. Ivy und Tandrin entwickelten sich über die Jahre hinweg unabhängig voneinander, auch durch ihre beruflichen Ausrichtungen. Das Band, das sie verbindet, ist die gemeinsame kreative Vision. Sie wollen Lebensrealitäten abbilden und verstehen, ihre Musik bewegt sich emotional oft in dunkleren Räumen, ohne dabei eindimensional zu werden.

In der Basis ist das Œuvre von Mechanical Moth elektronisch – in frühen Entwürfen des Bandnamens war die Rede auch von «Digital Moth» –, es finden jedoch immer auch wieder Instrumente ihren Weg in die Stücke. Auch die Gegensätzlichkeit ist stets Teil der Stücke: Es gibt harte instrumentale Songs, die sanfter Gesang ergänzt. Manch ein Stück wirkt fröhlicher durch den instrumentalen Anteil, ist in seiner textlichen Essenz aber von tiefer Traurigkeit geprägt. Bei alledem bleibt sich die Motte treu und tanzt durch die gotischen Nächte.

Die lyrische Welt der Motte

Mittlerweile blickt Mechanical Moth auf acht Alben zurück, die sich sowohl musikalisch als auch thematisch vielfältig präsentieren. Die Zuständigkeiten sind meist klar geregelt. So widmet sich Tandrin der musikalischen Umsetzung der Texte Ivys. Die Texte handeln, so Ivy, von den eigenen Lebensrealitäten und folgen keiner kurzlebigen Modeströmung.

Zugleich betonen beide, dass Musik nie unpolitisch sei. Menschen, die Musik schaffen, tragen Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, ebenso wie die Gothic-Community Verantwortung trägt, wenn sie Musik konsumiert. Ivy erklärt: «Kunst ist keine Handtasche, die man einfach so irgendwo abstellen kann. Ich muss mindestens für mich Position beziehen und auf Nachfrage zu meiner Haltung stehen.»

Tandrin ergänzt, dass auch aus der Perspektive eines DJs – er ist nämlich als solcher ebenfalls aktiv – die Wahl der Musik eine Aussage treffe. Oft sind dabei nicht die Texte an sich problematisch, sondern deren Interpretation.

Wenn extreme Themen und menschliche Abgründe aufgegriffen werden, geschieht das nicht aus Selbstzweck, sondern im Sinne einer kathartischen Verarbeitung. Viele der Stücke entstanden in Phasen tiefer Depressionen, folgen aber immer auch dem künstlerischen Prinzip.

Das Album „Torment“ ist ein Beispiel dafür: Es ist gemäss den Einheiten von Aristoteles aufgebaut und verbindet moderne Musik mit antiken Prinzipien. Ein weiterer Gedanke, der die aus dem Punk geborene Schwarze Szene prägt, ist die Provokation. Sie ist ebenfalls Teil der Mottenwelt.

Der achte Akt

Manufaktur Nocturna

Das achte Album trägt den Titel «N8» und enthält insgesamt 13 Stücke. Während das Stück “Neurodivergent“ schon fast sachlich-erklärenden Charakter hat, zeigen andere Stücke die Abgründe menschlichen Daseins auf emotionalere Weise. Da wird das Chaos manchmal auch nach aussen getragen.

Den Auftakt des Albums bildet das Stück “Date with the Devil“. Für Ivy ist der Teufel eine sehr persönliche Angelegenheit: Jeder Mensch kämpfe mit seinen eigenen Dämonen. Der sinnbildliche Teufel sei etwas, das man fürchte, aber immer auch in sich trage. Die Schwarze Szene hat sich schon immer vertieft mit der eigenen Vergänglichkeit auseinandergesetzt und die Frage gestellt, wie viel Raum die dunkle Seite einnehmen kann.

Grenzerfahrungen stellen dabei immer auch Möglichkeiten der eigenen Erkenntnis dar, der Exzess und das Ausloten der Schranken eigenen Empfindens bieten Raum zur Entfaltung. So bleibt Musik immer individuell geprägt: Sie soll grosse Gefühle verhandeln und kathartisch wirken.

Im Spiegel der Welt(en)

Die Inspiration für Mechanical Moth speist sich aus Musik und anderen Kunstformen, die Ivy und Tandrin prägen. Sie entstehen auch durch den stetigen Dialog zwischen Ivy und Tandrin. So schickten sich die beiden während der Pandemie Schnipsel möglicher neuer Stücke und kreierten auf diese Weise ein ganzes Album. Als gemeinsame Studioaufnahmen wieder möglich waren, produzierten sie innerhalb kürzester Zeit „Mirror“.

Auf aktuelle Entwicklungen angesprochen, beschreibt Ivy ein verändertes Konsumverhalten: «Die momentanen Entwicklungen führen dazu, dass ein Produkt in den ersten Sekunden gemocht werden muss, da es ansonsten den Moment verpasst hat.» Mechanical Moth wollen diesem Druck, sofort gefallen zu müssen, bewusst etwas entgegensetzen. Uns interessiert keine Kunst, die nur auf unmittelbare Verwertbarkeit zielt. Kunst brauche Zeit, sagt Ivy, und diese Zeit nehme sie sich sowohl für ihre Musik als auch beim Schreiben von Romanen. Dem gegenüber steht ein Publikum, das durch eine schnelle Masse an Produkten geprägt ist; Mechanical Moth setzen dem ein organisch gewachsenes Werkverständnis entgegen.

Tandrin formuliert es so: «Viele Stücke haben ein Herz, eine Seele, gerade bei gruftigen Songs ist das häufig der Fall. Gerade als DJ merke ich, wie viel Zeit es braucht, aus der Masse die Stücke herauszufiltern, die wirklich Substanz und/oder Kreativität haben.»

Die Szene ist vielfältiger geworden, Mischformen haben an Kraft gewonnen. Ein Beispiel, das auch Ivy und Tandrin begeistert, ist DeathbyRomy. Die Band zeichnet sich aus durch ihre junge und frische Herangehensweise, sie denkt Musik neu. Daneben üben manchmal auch einzelne Stücke eine besondere Faszination auf Tandrin aus. Als Beispiel nennt er das Stück “Kyiv“ von Alina Pash und Apashe.

Manukaktur Nocturna

Bands, die insbesondere Ivy auf ihrem musikalischen Weg begleitet haben, sind Limp Bizkit oder auch Mind.in.a.Box. Sie sagt von sich, dass sie eigentlich aus der Metal Szene stamme, ihre Eltern sie auch mit Formen der Rockmusik von Glamrock bis Hardrock aufgezogen hätten.

Weitere Inspiration findet insbesondere Ivy im Lesen von Literatur. «Durch Bücher bin ich in der Lage, meine eigenen Wortspeicher zu erweitern. Ich entwickle dadurch andere Assoziationen, finde Referenzen und kann letzten Endes auch meine Lebensspeicher damit auffüllen.»

Die Veränderungen in der Musikbranche haben dazu geführt, dass das Booklet an Bedeutung verliert. Es sind die Videos, die heutzutage einen höheren Stellenwert haben. Tandrin leitet eine Videofirma, was dazu führt, dass die beiden Bandmitglieder unterschiedliche Bildsprachen nutzen. So erzählt Ivy, dass sie das Video zu “Date with the Devil“ alleine aufgenommen habe und sie häufig Symbole der Vergänglichkeit einsetze.
«Musik ist die ultimative Kanalisierung von Chaos.»

Kunst verstehen Ivy und Tandrin als Sprache, die Zugehörigkeit zu schaffen vermag. Beide sind sich einig, dass Musik als Reflexionsform unbedingt gefördert werden müsse. So war der Einfluss von Musik schon immer groß, prägte Kulturen und Momente. Auch in anderen Bereichen ist Musik zentral. So schrieb Ivy beispielsweise ihre Uni-Abschlussarbeit über die Potentiale von Musik in der Sozialen Arbeit. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf dem musikpädagogischen Aspekt und der ressourcenorientierten Förderung neurodivergenter Menschen.

Entsprechend deutlich wird, welche Relevanz Musik für beide hat. Sie ist für Ivy und Tandrin eine intuitive Ausdrucksform und ein Medium, um über die Welt nachzudenken – ein Dopaminkick ebenso wie ein Denkraum. Ein Song muss für sie eigene wie fremde Emotionen spiegeln. Damit Musik authentisch bleibt, muss sie von den Musiker:innen gelebt werden.

Ein Song muss die eigenen ebenso wie fremde Emotionen widerspiegeln. Damit Musik authentisch bleibt, muss sie von den Musiker:innen auch gelebt werden. Die Stücke sollen Gedankenspiele wiedergeben, die nachvollziehbar bleiben. Als Synästhetikerin hat Ivy eine besonders intensive Wahrnehmung der Musik, sie sagt und dass ein Werk einer bestimmten Skala der Ästhetik entsprechen muss, damit sie sich einfühlen kann.

Ein Stück erzeugt einen Rausch, aber es muss «energetisch, düster und sexy» sein. Dabei darf und soll Musik auch starke Emotionen hervorbringen, sie muss nahbar sein. Erfüllt ein Lied diese Übereinstimmung mit der eigenen Stimmung, so kann Ivy ihn viele Male hintereinander hören.

Die Motte fliegt weiter

Manufaktur Nocturna

Zur Zukunft ihrer Musik sind sich Ivy und Tandrin einig: Mechanical Moth soll unverwechselbar bleiben. Ihre Stücke folgen keiner Schablone, kein Algorithmus kann voraussehen, wohin die Motte als Nächstes fliegt. Rap-Einflüsse wie jene von Mimi Barks finden sie spannend, doch ihr eigener Klangkosmos bleibt ein anderer.

Musik ist für beide Lebenselixier – und Opfergabe zugleich. Sie kostet Zeit, Kraft und oft auch Verluste. Wer Musik ernsthaft lebt, investiert einen grossen Teil von sich selbst – gerade deshalb ist sie für Mechanical Moth, also uns, unverzichtbar.

Mechanical Moth wollen künftig noch häufiger auf die Bühne, etwa in Häusern wie dem Steinbruch-Theater. Die Flugzeit des Federgeistes ist nicht vorbei, sie beginnt mit jedem Stück neu. Im Kern geht es der Band um eines, und Tandrin zitiert Dr. Who: «Wir sind alle Geschichten, am Ende. Mach einfach eine gute.» In diesem Sinn sollen auch die kommenden Songs Geschichten werden, die nachhallen.

Neue Songs und neue visuelle Arbeiten sind immer auf dem Weg. Manchmal ist er länger, manchmal kürzer.

 

Geschrieben von: the.goth.teacher

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