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BANDVORSTELLUNG

Oh Madonna

today25. Januar 2026 77 9 5

Hintergrund
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GEISTHA und nana del gray, das sind OH MADONNA. Die Band ist Teil der Cold Transmission – Familie und in den Genres Darkwave und Synthpop beheimatet. Die Künstler:innen begannen ihre Reise 2024 und veröffentlichen Ende Januar ihre dritte Single  “Devotion“. Schwarz und Rot, das sind die vorherrschenden Farben der Ästhetik des Projekts. Radio Schwarze Welle traf sie zum Interview.

Foto: Alisha Soraya

Bereits bevor die erste Single überhaupt geboren wurde, arbeiteten die beiden an Klangbildern, die mehr suchten als blosse Melodie. Als das Projekt schliesslich eines Namens bedurfte, war klar: Er musste das Gefühl tragen, das ihre Musik in ihnen selbst ausgelöst hatte – etwas Drängendes, beinahe Flehendes. Sie wollten das Intensive, die Zerrissenheit zwischen Hingabe und Verzweiflung.

Die Madonnenfigur im Blick

Der Name sollte diese Spannung fassen und zugleich Raum für Verstecktes bieten – wie ein Gleichnis, das sich jedem Blick entzieht und doch etwas Heiliges in sich birgt. Im Zentrum steht die Madonnenfigur: ein Symbol des Zeigens und Verbergens zugleich. Sie offenbart und verschleiert, sie strahlt und entzieht sich – ein Wechselspiel, das auch in der Musik spürbar wird. Die Stücke erzählen ihre Geschichten vom Verhüllen und Offenbaren, von der Versuchung des Offensichtlichen und der Lust am Zweifel. «Unser Wunsch ist», so die Künstler:innen, «dass das Publikum nach einem ersten, vermeintlich klaren Eindruck innehält – um dann zu erkennen, dass nichts eindeutig ist.»

Während GEISTHA aus dem Bereich der Musik stammt, bringt nana del gray ausserdem einen literatur- und kunsthistorischen Aspekt ein. Das Projekt versteht sich denn auch als vielfältiger als ein rein musikalisches Projekt. GEISTHA erzählt, dass bei der Konzeption der Songs und des Artworks Synästhesie eine wichtige Rolle spiele. Die Stücke sind Gesamtwerke, die im Einklang zwischen Bild, Ton und visuellen Reizen stehen sollen. GEISTHA erklärt: «Musik ist die einzige Sprache, die universell ist. Wir können sie verstehen, auch wenn wir die Worte nicht verstehen.» nana del gray ergänzt, dass die Werke häufig mit Pastiche, also Nachahmung, arbeiteten, mit der Ausgestaltung aber entliessen die Künstler:innen ihr Werk in die Gedankenwelt der Hörenden. Die Interpretation obliege dem Publikum, auch wenn der Kanon der Literatur, Wissenschaft und der Mythologien immer mitschwinge, so die beiden. Musik sei kollektives Wahrnehmen, schliesst GEISTHA .

Foto: Alisha Soraya

Sucht man nach der Band, so sind die Informationsfetzen dünn gesät. «Ich finde es interessant, dass der Weg in den Interviews immer über die Musik gehen muss, nicht über einen Personenkult.» nana del gray erläutert ihren Blick auf die Beziehung zwischen Werk und Künstler:in. Eine gewisse Mystik in den Dingen zu lassen, ist bei Musiker:innen notwendig, damit der Musik nicht der Raum zum Atmen genommen wird. GEISTHA erklärt, dass die Künstler:innen eine Leinwand seien für ihr Publikum, ebenso wie die Musik an sich.

Die Single “Rosemary“

Im Stück “Rosemary“ ist «God is dead» ein wiederkehrender Vers, der Bandname kann mit christlicher Symbolik in Verbindung gebracht werden. Bei der Wahl des Zitats von Friedrich Nietzsche spielte ebenso wie bei der Verwendung des Bandnamens die Ablehnung der Heroenverehrung eine Rolle. „Wie trösten sich die Mörder aller Mörder?“, so die Fortsetzung und bei Nietzsche und möglicher Kontext im Werk der Band: Rituale spielen eine wichtige Rolle, Repetitionen, Anrufung von etwas, das man gleichzeitig auch zerstört. Dementsprechend schafft Kunst es zwar für einen kurzen Moment, das Gefühl der Katharsis, also der Reinigung der Seele, zu erzeugen, aber letzten Endes sind die Menschen immer wieder gefangen in neuen Schlaufen. Das widerspiegelt sich auch in den musikalischen Repetitionen. GEISTHA führt aus: «Ich mag solche radikalen Konzepte. Alles an diesem Moment der Katharsis ist grossartig, und wenn es nur der flüchtige Moment ist oder die Illusion dessen.»

GEISTHA und nana del gray sprechen von der Körperlichkeit ihrer Musik – vom Herzschlag, vom Puls, vom Schwingen des gesamten Körpers, wenn der Klang aus einer grossen Anlage dringt. Musik ist hier keine abstrakte Idee, sondern etwas Fühlbares. Sie fragen: Was geschieht im Körper, wenn Frequenzen zu vibrieren beginnen, wenn Bass und Herzschlag eins werden? Und sie scheuen dabei nicht die Eingängigkeit. Im Gegenteil – nana del gray betont, dass gerade diese heute der fast schon widerspenstigere Akt ist: ein Stück zu schreiben, das sich öffnet, statt sich zu verschliessen.

Zusammenarbeit bedeutet für GEISTHA und nana del gray immer auch das Verschmelzen von Klangwelten und anderen Kunstformen, das Öffnen des eigenen Ausdrucks für etwas Grösseres. Mit anderen Kunstschaffenden zu arbeiten, führt dazu, dass sich in solchen Momenten alles zu einem Ganzen fügt, fliessend und vielgestaltig.

Doch wahre Entfaltung, sagen sie, geschehe erst auf der Bühne. Dort, wo Energie auf Gegenüber trifft, wo Resonanz entsteht. Der Weg dorthin führt heute unweigerlich auch über die Sozialen Medien – nicht als Ersatz, sondern als Brücke. „Menschen können sich auf diese Weise leichter finden“, sagt nana del gray, „und daraus entsteht viel Schönes.“ GEISTHA ermutigt junge Künstler:innen, diesen Weg zu gehen – mutig, experimentierfreudig, ohne zu viel zu zweifeln. Und nana del gray ergänzt: Man müsse ihn nicht alleine gehen, Kunst sei schon immer ein gemeinsames Abenteuer gewesen – und gerade darin liege ihre tiefste Kraft.

Welt und Kunst

Kunst hänge immer von der Welt ab und reflektiere sie. Daher ist Musik als Kunstform, die Künstler:innen als Personen, nie apolitisch. GEISTHA erläutert, dass Eskapismus, der in vielen Momenten die Flucht vor der Welt erlaube, nur von temporärem Vergnügen sei, wenn man sich die Frage nach politischen Haltungen vermeintlich nicht stellen müsse. Der Schutz der Unsichtbarkeit bleibt marginalisierten Gruppen verwehrt. Beide wünschen sich, dass die Haltungen innerhalb der Szene auch klarer sein sollten, eine klare Positionierung sei nicht nur in der heutigen Zeit von zentraler Relevanz. Die Szene war schon immer ein ambivalenter Ort, auf der schönen Seite ein Freiraum für gesellschaftlich Geächtetes, so GEISTHA. Vielleicht muss man immer wieder auf Neue denken, was es bedeutet, aus unterschiedlichen Perspektiven diese Freiräume zu sichern. „Das wünschen wir uns schön“, ergänzt nana del gray.

Die Multiperspektivität ist neueren Datums. Das Bewusstsein, nicht nur innerhalb der Schwarzen Szene, sei höher geworden. Eine Rolle der Musik ist dabei, dass sie berührt. GEISTHA hält fest: «Das Schöne an Musik ist, dass sie unmittelbar ist. Sie braucht keinen Filter, kein Hintergrundwissen. Im Grossen und Ganzen ist Musik eine universelle Sprache, für die ich keine Semantik brauche. Ich möchte, dass meine Musik dieses Potenzial entfaltet.» nana del gray fügt an: «Ich möchte, dass Musik einen zum Fallen bringt. Keine Ahnung, wohin. Irgendwo hinunter, hinein. Das Chaos, die Zerstörung werden benötigt, um etwas in Bewegung zu setzen. Erst dadurch kann etwas entstehen.»

Foto: Lea Bäurle

Ein Blick ins Zukünftige

In Zukunft wollen GEISTHA und nana del gray weiterhin teilen, was im Privaten entstanden ist. Sie wollen den intensiven Moment des Austauschs teilen, die Idee der Wiedergeburt – auch auf der Bühne. Eine lange Zeit im Studio soll sich in Lautstärke äussern, soll einen Resonanzrahmen finden. Beide wollen ihre Kunst mit allen teilen, die das auch möchten. «Auch zum Hassen!» nana del gray lacht: «Hauptsache, das Gegenüber wird in irgendeiner Weise berührt. Das Schlimmste, was einem Stück geschehen kann, ist, dass es den anderen gleichgültig bleibt.»

Am 30. Januar 2026 erscheint die neue Single der Band:

Mit “Devotion“ geben sich OH MADONNA dem Vergehen hin. Der Track entfaltet sich wie ein nächtlicher Ritus: schweißgetränkt, ehrfürchtig und gezeichnet von Schmerz. Der Song kreist um Vertrauen, Forderung und Hingabe, ist ein widerspenstiges, tanzbares Spiel mit Grenzen. Die Stimmen erscheinen als Beschwörung statt als Erzählung, zwischen Intimität und Drohung. Devotion verweilt im Dunkeln, nicht als Erlösung, sondern als ein im Schatten abgelegtes Gelübde.

Die neue Single nicht verpassen auf Bandcamp.

 

 

Geschrieben von: the.goth.teacher

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